Die Odyssee

Die Odyssee – ein echtes Brett fürs Kino
Die Odyssee ist ein Film, den man im Kino gesehen haben muss.
Eigentlich sogar in einem echten IMAX-Kino, denn jede einzelne Einstellung von „Die Odyssee“ wurde mit IMAX-Filmkameras gedreht. In IMAX-70-mm-Kinos wird der Film im erweiterten IMAX-Bildformat 1,43:1 präsentiert. Jedes Filmbild besteht aus 15 Perforationen und läuft horizontal durch den Projektor. Es ist das größte und hochauflösendste verfügbare Format und bietet ein unvergleichliches Erlebnis, da das Bild die raumhohe IMAX-Leinwand vollständig ausfüllt. Leider gibt es in Deutschland kein Kino, das dass maximale IMAX Format zeigen kann.
Also führte mich der Weg in Kölns größten Kinosaal mit rund 220 m² Leinwandfläche, brachialem Dolby Atmos und einem grandiosen Barco-Projektor.
Die Odyssee ist es durchaus wert, zumindest genau so genossen zu werden.
Christopher Nolan hat mit seiner Adaption des Homer-Epos einen Film geschaffen, der bereits im Vorfeld riesige Erwartungen geschürt hat. Überragende Kritiken, ein enormer Produktionsaufwand und eigens für den Film weiterentwickelte IMAX-Kameras versprachen großes Kino. Und tatsächlich ist das Ergebnis in vielerlei Hinsicht beeindruckend.
Nolan geht dabei einen Weg, den man von ihm inzwischen kennt. Wie schon bei Interstellar, Dunkirk und Oppenheimer erzählt er seine Geschichte nicht einfach chronologisch. Rückblenden, unterschiedliche Zeitebenen und ineinander verschachtelte Handlungsebenen gehören zu seiner ganz eigenen Filmsprache. Das passt erstaunlich gut zu Homers Odyssee, die selbst eine Geschichte über eine lange Reise, Erinnerungen und die Rückkehr in eine längst veränderte Heimat ist.
Und trotzdem hatte ich während des Films immer wieder zwei unterschiedliche Meinungen in mir.
Die eine sagte: „Wow – grandioses Kino!“
Die andere sagte: „Okay, der Film ist wirklich gut gemacht, aber trotz dieses gigantischen Aufwandes reißt er mich nicht ganz vom Hocker.“
Genau deshalb möchte ich mit meiner endgültigen Bewertung noch etwas vorsichtig sein und muss das Gesehene und Gehörte erst einmal sacken lassen. Im Nachgang zum Film habe ich viel über die Entstehung und die Intention sowohl des Films als auch seines außergewöhnlichen Sounddesigns gelesen und dadurch einen etwas anderen Zugang zu ihm bekommen.
Als Kind hatte ich bereits einige Verfilmungen der Odyssee gesehen, allerdings immer nur einzelne Episoden aus Homers gewaltigem Epos. Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum mich Nolans Interpretation einerseits sofort fasziniert hat, andererseits aber auch noch Zeit braucht, um vollständig verarbeitet zu werden.
Nolan erzählt die Odyssee auf seine eigene Weise
Odysseus, König von Ithaka und listenreicher Krieger, hat den Trojanischen Krieg gewonnen. Doch der Weg nach Hause dauert zehn Jahre. Auf seiner Heimreise begegnet er Monstern, Kreaturen und zahlreichen Gefahren, die ihn immer wieder von seinem eigentlichen Ziel abbringen.
Nolan erzählt diese Geschichte jedoch nicht einfach von A nach B.
Gerade die Art, wie er die Handlung in Rückblicken und verschiedenen Zeitebenen erzählt, erinnert mich sehr stark an einige seiner früheren Filme.
Bei Dunkirk laufen beispielsweise drei Handlungsebenen mit unterschiedlichen Zeiträumen parallel.
Bei Interstellar wird Zeit durch Gravitation und die Reise durch das Weltall zu einem zentralen Bestandteil der Geschichte.
Und bei Oppenheimer wird das Leben der Hauptfigur über unterschiedliche Perspektiven und Zeitebenen rekonstruiert.
Auch in Die Odyssee ist die Reise deshalb nicht nur eine Reise durch den Raum, sondern gleichzeitig eine Reise durch die Zeit und durch die Erinnerung.
Das macht den Film interessant, aber eben auch nicht unbedingt leicht zugänglich.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich nach einer zweiten Sichtung noch einmal ganz anders über den Film denken werde.
Ganz großes Kino
Eines steht für mich allerdings jetzt schon fest:
Die Odyssee ist ganz großes Kino.
Nolan wollte einen Film machen, der groß sein will. Und das ist ihm gelungen. Mit einem Budget von rund 220 Millionen US-Dollar kann man natürlich klotzen und muss nicht kleckern.
Schon die schiere Größe der Bilder ist beeindruckend. Für den Film wurden rund 600 Kilometer Filmmaterial belichtet. Das Ergebnis wirkt nicht wie eine am Computer zusammengebaute Fantasywelt, sondern besitzt eine enorme physische Präsenz. Nolan hat erneut großen Wert auf praktische Effekte und reale Sets gelegt und versucht, die digitale Welt so weit wie möglich zurückzudrängen.
Und das merkt man.
Gerade bei einem Film dieser Größenordnung ist das eine Wohltat. Man bekommt nicht das Gefühl, ständig auf eine digitale Leinwand zu schauen. Stattdessen entsteht eine Welt, die greifbar und körperlich wirkt.
Dazu kommt ein Staraufgebot, das sich sehen lassen kann. Matt Damon als Odysseus funktioniert für mich trotz anfänglicher Skepsis erstaunlich gut. Auch Tom Holland musste ich zunächst als Teil dieser Geschichte akzeptieren.
Aber Holland kann schließlich nicht ewig nur Spider-Man spielen und hat in anderen Filmen bereits gezeigt, dass er weit mehr kann, als nur in den Straßenschluchten New Yorks sein Spinnennetz auszuwerfen.
Ich habe mich deshalb gerne darauf eingelassen.
Auch wenn die Geschichte im Kern bekannt ist, bleibt der Film über weite Strecken spannend. Nolan ist ein Meister ikonischer Bilder und überrascht immer wieder mit eindrucksvollen Situationen sowie der Art, wie er seine Geschichte weitererzählt. Dadurch entstehen nur wenige wirklich langatmige Momente.
Die 172 Minuten Laufzeit empfand ich deshalb keineswegs als zu lang.
Ich bin mit diesem ersten Teil inzwischen sehr zufrieden.
Eine kleine Änderung habe ich bewusst vorgenommen: Aus „sein Spinnennetz ausspannen“ wurde „sein Spinnennetz auszuwerfen“. Das passt sprachlich etwas besser zu Spider-Man und wirkt natürlicher, ohne Deinen augenzwinkernden Humor zu verlieren.
Der zweite Teil wird sich auf das konzentrieren, was Deine Rezension aus meiner Sicht besonders macht: Bild, Ton und vor allem Ludwig Göransson. Dort werde ich die Oscar-Passage so einbauen, dass sie sich ganz natürlich in den Text einfügt und nicht wie nachträglich eingefügtes Faktenwissen wirkt.
Ein Bild auf Referenzniveau
https://www.odysseymovie.com/explore-formats/
Hier könnt ihr euch die verschiedenen Bildformate selbst ansehen.
Was das Bild betrifft, gibt es für mich eigentlich nicht viel zu diskutieren.

Das auf 15/70-IMAX-Filmmaterial gedrehte Bild sieht im Kino sensationell aus, auch wenn hier lediglich das 2,35:1-Bildformat zu sehen war und somit nur ein Ausschnitt des riesigen Filmnegativs genutzt wurde.

Kontrast, Schwarzwert, Farben und Detailauflösung befinden sich für mich auf absolutem Referenzniveau.
Das Bild wirkt unglaublich plastisch und besitzt eine Tiefe, die man bei vielen digitalen Produktionen so nicht erlebt.
Hier stimmt einfach alles.
Für mich ist das ohne Einschränkung Referenzniveau.
Bild: 5 von 5
Göransson experimentiert mit Tönen und Klängen
Beim Ton wird es für mich wesentlich schwieriger.
Denn der Soundtrack von Ludwig Göransson hat mich zeitweise tatsächlich sprachlos gemacht.
Christopher Nolan wollte ausdrücklich etwas Einzigartiges. Und dafür hat er sich nicht irgendjemanden ausgesucht.
Ludwig Göransson gehört inzwischen zur absoluten Weltelite der Filmkomponisten. Nach seinen Oscar-prämierten Arbeiten für Black Panther, Oppenheimer und zuletzt Sinners hält er mittlerweile bereits drei Oscars für die beste Filmmusik in den Händen. Damit hat er inzwischen sogar mehr Academy Awards gewonnen als mein persönlicher Filmmusik-Favorit Hans Zimmer.
Das soll die beiden Komponisten allerdings nicht gegeneinander ausspielen. Zimmer hat über Jahrzehnte hinweg zahlreiche legendäre Soundtracks geschaffen und die Filmmusik nachhaltig geprägt. Trotzdem zeigt Göranssons außergewöhnliche Erfolgsbilanz eindrucksvoll, welches kreative Niveau er inzwischen erreicht hat.
Genau deshalb war ich besonders gespannt, welchen Weg Göransson diesmal einschlagen würde.
Statt auf den klassischen Hollywood-Sound zu setzen, beschäftigte er sich intensiv mit den Instrumenten der Bronzezeit.
Aulos, Leier, Bronzeklänge und menschliche Stimmen bilden die Grundlage für eine Musik, die tatsächlich anders klingt als das, was man aus vergleichbaren Monumentalfilmen kennt.
Bronze, Wände, Geländer und sogar Schrottteile dienten dabei als Klangquellen, um völlig neue Töne zu erzeugen.
Der Soundtrack erschafft dadurch eine ganz eigene Welt.
Auch Hans Zimmer hat in seinen Filmmusiken immer wieder mit ungewöhnlichen Klangstrukturen experimentiert und daraus Klangwelten geschaffen, die unverwechselbar sind. Göransson geht hier jedoch noch einen Schritt weiter und versucht, den Zuschauer akustisch unmittelbar in die Bronzezeit zu versetzen.
Wenn man die Intention hinter dieser Komposition verstanden hat, hört man den Film plötzlich mit anderen Ohren. Die Musik soll nicht einfach nur Emotionen unterlegen, sondern die archaische Welt der Bronzezeit akustisch greifbar machen.
Das kann ich voll und ganz unterschreiben.
Auch das Sounddesign arbeitet teilweise sehr körperlich. Gerade in den bedrohlichen Szenen entsteht ein Klangbild, das nicht nur gehört, sondern förmlich gespürt wird.
Manche Momente sind geradezu martialisch und schütteln einen regelrecht durch.
Ich habe mir nach dem Kinobesuch den Soundtrack noch einmal separat angehört. Dadurch wurde mir erst richtig bewusst, welche Idee hinter dieser ungewöhnlichen Musik steckt.
Und genau deshalb muss ich mir Die Odyssee unbedingt noch einmal in meinem Heimkino anhören, sobald der Film als 4K-UHD erschienen ist.
Erst dann werde ich mir erlauben, den Ton in seiner Gesamtheit endgültig zu bewerten.
Nach der ersten Kinosichtung vergebe ich deshalb zunächst vorsichtige 4 von 5 Punkte. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass diese Wertung nach der Heimkino-Sichtung sogar noch steigt.
Ton: 4 von 5
Ein Film zwischen Interstellar und Oppenheimer
Nolan tritt hier sehr deutlich in die Fußstapfen seiner eigenen Filme.
Die Reise des Odysseus erinnert in vielen Punkten an Interstellar. Auch dort geht es um eine Reise ins Unbekannte, um extreme Gefahren und vor allem um die Rückkehr zu den Menschen, die man liebt.
In Dunkirk wiederum steht die Heimkehr im Mittelpunkt. Unterschiedliche Zeitachsen und Perspektiven setzen sich erst am Ende zu einem Gesamtbild zusammen.
Und bei Oppenheimer wird eine Geschichte durch Rückblicke, subjektive Wahrnehmung und unterschiedliche Zeitebenen rekonstruiert.
Nolan scheint diese Art des Erzählens inzwischen perfektioniert zu haben.
Vielleicht ist genau das aber auch mein kleines Problem mit Die Odyssee.
Denn so faszinierend diese Struktur auch ist, sie ist gleichzeitig ihre größte Stärke, aber auch ihre größte Schwäche.
Gerade als Zuschauer muss man sich auf diese Erzählweise einlassen. Tut man das nicht, besteht die Gefahr, dass man sich zwischen den verschiedenen Zeitebenen und Rückblenden verliert.
Vielleicht erklärt genau das, warum mich der Film einerseits begeistert hat, ich andererseits aber das Gefühl hatte, ihn noch nicht vollständig erfasst zu haben.
Sehr gerne. Und ich muss sagen: Dieser dritte Teil ist für mich der wichtigste der ganzen Rezension. Hier entscheidet sich, ob der Leser am Ende nur Deine Bewertung kennt – oder ob er versteht, warum Du zu dieser Bewertung kommst.
Deshalb habe ich hier besonders darauf geachtet, Deinen persönlichen Stil zu bewahren. Es soll nicht wie ein klassisches Fazit klingen, sondern wie Dein ganz persönlicher Abschluss.
Die Musik als Teil der Geschichte
Das homerische Epos wurde ursprünglich nicht einfach gelesen, sondern mündlich vorgetragen und musikalisch begleitet. Musik war somit ein fester Bestandteil der Erzählung.
Auch innerhalb der Geschichte selbst spielt Musik eine entscheidende Rolle. Man denke nur an die Sirenen, deren Gesang für Odysseus zur tödlichen Versuchung wird.
Göransson greift diesen Gedanken auf seine ganz eigene Weise auf.
Seine Musik wirkt teilweise wie eine moderne Form dieser mündlichen Überlieferung. Sie ist archaisch, rau, teilweise verstörend und gleichzeitig erstaunlich modern.
Ich habe mir nach dem Film den Soundtrack noch einmal in Ruhe angehört.
Genau dadurch entstand bei mir ein Eindruck, den ich bei einer Filmmusik nur selten erlebt habe.
Die Musik fühlt sich an, als würde sie direkt aus dieser Welt heraus entstehen.
Sie ist bewusst kein Wohlfühl-Soundtrack. Sie fordert den Zuhörer, manchmal irritiert sie sogar – genau das macht sie aber so faszinierend.
Und genau deshalb freue ich mich schon jetzt auf die zweite Sichtung.
Denn ich glaube, dass ich diesen Film – insbesondere akustisch – noch gar nicht vollständig erfasst habe.
Und was ist nun meine Meinung?
Eine wirklich gute Frage.
Hier tue ich mich tatsächlich schwer.
Die Odyssee ist ohne Zweifel ein grandios produzierter Film.
Das Bild ist sensationell. Die Inszenierung ist gewaltig. Die Geschichte besitzt trotz ihrer Bekanntheit Spannung und überrascht immer wieder mit eindrucksvollen Momenten. Die Darsteller gewinnen für mich mit zunehmender Laufzeit immer mehr an Profil. Die Musik ist außergewöhnlich und das Sounddesign teilweise schlicht brachial.
Der Film muss sich zwangsläufig an anderen Werken Christopher Nolans messen lassen. Ob er sie erreicht oder vielleicht sogar übertrifft, muss letztlich jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.
Und genau deshalb möchte ich den Film nach der ersten Sichtung noch nicht endgültig festnageln.
Vielleicht brauche ich eine zweite Sichtung, um die verschachtelte Erzählweise vollständig zu erfassen. Vielleicht funktioniert der Film auf meiner immerhin 133 Zoll großen Leinwand im Heimkino noch einmal ganz anders.
Gerade bei Nolan hatte ich schon mehrfach den Effekt, dass sich meine Meinung nach einer zweiten oder sogar dritten Sichtung noch einmal verändert hat.
Die Odyssee ist deshalb für mich momentan ein Film zwischen Begeisterung und leichter Ernüchterung.
Die eine Seite in mir sagt:
„Was für ein Brett!“
Die andere sagt:
„Ja, aber ganz erreicht hat mich Nolan diesmal noch nicht.“
Und genau deshalb werde ich ihn mir definitiv noch einmal ansehen.
Vielleicht gehört Die Odyssee genau zu den Filmen, die mit jeder weiteren Sichtung wachsen.
Fazit:
Die Odyssee ist ein Film fürs Kino. Um die Gesamtqualität dieses Filmes zu erfassen muss man aus seiner Komfortzone raus und ins Kino gehen.
Wenn möglich auf einer möglichst großen Leinwand, mit einer hochwertigen Projektion und einer ausgewachsenen Dolby-Atmos-Anlage.
Denn genau dort entfaltet dieser Film seine ganze Wucht. Selbst in meinem Heimkino, werde ich das vermutlich so nicht mehr erleben können.
Die 172 Minuten vergehen wie im Flug. Die Geschichte ist trotz ihrer Bekanntheit spannend und wird durch Nolans verschachtelte Erzählweise immer wieder neu zusammengesetzt.
Das auf 15/70-IMAX-Filmmaterial gedrehte Bild liefert für mich absolute Referenzqualität. Der außergewöhnliche Soundtrack von Ludwig Göransson erschließt sich möglicherweise nicht sofort jedem Zuschauer, entwickelt aber nach intensiverer Beschäftigung eine enorme Faszination.
Ob Die Odyssee für mich am Ende wirklich ein Meisterwerk wird und mindestens 4,5 von 5 Punkten erzielen kann, lasse ich deshalb bewusst noch offen.
Und ich bin schon jetzt gespannt, ob sich bei der zweiten Sichtung im Heimkino der zweite Wow-Effekt einstellt.
Vielleicht wird aus einem sehr guten Film dann sogar ein Meisterwerk.
Meine erste Bewertung:
Film: 4,0 / 5 hier ist noch etwas Luft nach oben
Bild: 5,0 / 5 Hier gibt es keine zwri Meinungen
Ton: 4,0 / 5 hier bin ich mir noch nicht klar.
In diesem Sinne
Eure Charlys Tante
Wer hat Die Odyssee auch schon gesehen und möchte mir hier seine perdönlichen Eindrücke mitteilen!
Copyright der Cover, Szenenbilder und vergleichenden Screenshots liegt beim Anbieter
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