Der Astronaut-Projekt Hail Mary-

Es gibt nicht viele Schauspieler, die einen Film nahezu im Alleingang tragen können – Ryan Gosling gehört zweifellos dazu.
Der Astronaut – Projekt Hail Mary ist seit langem mal wieder ein Science-Fiction-Film, der sich traut, in die großen Fußstapfen von Interstellar zu treten – wohl wissend, dass die Schuhgröße am Ende doch eine Nummer zu groß sein wird.
Das ist aber vollkommen in Ordnung so.
Inhalt
Kann Spuren von Spoiler beinhalten.
Die Geschichte beginnt denkbar klassisch – und gleichzeitig effektiv: Ryland Grace erwacht allein auf einem Raumschiff,

Er erwacht aus einem künstlichen Koma in einem Raumschiff, die Haare wirr, der Körper schwach, Schläuche noch im Arm. Er krabbelt aus seinem Versorgungs-Pod, orientiert sich langsam – und stellt fest: Die Crew ist tot.

Man erwartet nun einen routinierten Astronauten, der die Lage sofort im Griff hat. Jedoch Grace ist kein Raumfahrer, sondern Naturwissenschaftslehrer. Ein Mann, der plötzlich 12 Lichtjahre von der Erde entfernt feststellen muss, dass er nicht nur allein ist, sondern vermutlich auch nicht genug Treibstoff für den Rückweg hat.

Tau Ceti, ein Stern in rund 12 Lichtjahren Entfernung. Während die Erde einer kosmischen Katastrophe entgegen steuert, ist diese ferne Sonne offenbar die einzige Hoffnung der Menschheit.
Erst nach und nach setzt sich das Puzzle sowohl für Ryan als auch für den Zuschauer zusammen. Durch geschickt eingestreute Rückblenden erfahren wir mehr über Grace – einen eigentlich unscheinbaren Lehrer, der eher zufällig zur Schlüsselfigur einer interstellaren Rettungsmission wird. Hier kommt auch Sandra Hüller als entschlossene ESA-Funktionärin Eva Stratt ins Spiel, die Grace mit einer Mischung aus Pragmatismus und Druck letztendlich in seine Rolle zwingt.

Durch Rückblenden setzt sich Stück für Stück zusammen, wie er überhaupt in diese Situation geraten ist. Eine zentrale Rolle spielt dabei Sandra Hüller, die als kühl kalkulierende ESA-Strategin die Fäden in der Hand hält.

Ansichtssache:
Was der Film dabei erstaunlich gut einfängt, ist dieses Gefühl des ersten Entdeckens. Grace bewegt sich durch das Raumschiff wie ein Kind, das unbeaufsichtigt einen neuen Spielplatz erkundet: Er testet Knöpfe, probiert Astronautennahrung, lernt seine Umgebung kennen – und genau daraus entsteht dieser besondere Zauber, der den Film trägt.
Das erinnert nicht zufällig an Der Marsianer – Rettet Mark Watney – kein Wunder, schließlich stammt die Vorlage von Andy Weir. Gleichzeitig bringen Phil Lord und Christopher Miller ihre ganz eigene Handschrift ein: bekannte Science Fiction Muster, werden hier neu gedacht und mit einem charmanten Hang zu Humor und Leichtigkeit versehen. Fertig ist die wohl charismatischste Weltraumgeschichte, die ich bisher gesehen habe.
Ryan Gosling spielt die Rolle des einsamen Wolfes einfach brillant.

Ryan Grace ist kein Held, sondern jemand, der durch widrige Ereignisse auf der Erde zufällig in diese Rolle gedrängt wurde – und genau deshalb funktioniert die Figur auch so gut. Er ist neugierig, überfordert, manchmal fast kindlich – und genau dadurch unglaublich menschlich und nahbar.

Die Begegnung mit dem Alien ist nicht das übliche Sci-Fi-Klischee, sondern wird überraschend anders erzählt. Der erste Kontakt wirkt kindlich scheu und nimmt als Reminiszenz gleich die “Unheimliche Begegnung der dritten Art” mit auf. Diese Begegnung hat keine glatten Oberflächen, keine großen Augen, es ist ein Wesen wie aus Steinfragmenten zusammengesetzt, das trotzdem Emotionen transportiert. Fast so, als würde man eine Mischung aus WALL·E oder Groot aus Guardians of the Galaxy vor sich haben – nur eben als außerirdischer Felsbrocken.

Was folgt, ist eine der schönsten Annäherungen, die das Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Kommunikation durch Imitation, durch Ausprobieren – fast wie zwei Kinder, die keine gemeinsame Sprache sprechen. Hier blitzen ganz klar Erinnerungen an Arrival und E.T. – Der Außerirdische auf.
Die Neugier, was jetzt kommt, springt dadurch auch auf den Zuschauer über.
Während sich im All eine ungewöhnliche Freundschaft und so etwas wie ein interstellarer Rettungsplan entwickelt, erzählen Rückblenden die Geschichte auf der Erde weiter – mit all ihren Rückschlägen, Entscheidungen und moralischen Grauzonen. Besonders stark: Sandra Hüller, die selbst die unangenehmsten Wahrheiten mit einer fast trockenen Selbstverständlichkeit vermittelt. Der Weltuntergang hat hier ein erstaunlich nüchternes Gesicht – und er wird erstmals von einer Frau gemanagt.
Kritiken zum Film:
Auch die Kritiken gehen in eine ähnliche Richtung: Rotten Tomatoes lobt die Mischung aus Emotion, Humor und Wissenschaft, während Metacritic dem Film solide Werte im oberen Bereich gibt. Kein neues Meisterwerk – aber verdammt gutes, kluges Unterhaltungskino.
Bisher ist der Film in den Kinos sehr gut gestartet und kann durchaus als Blockbuster betrachtet werden. Kerden 80 Mio. US Dollar am ersten Wochenende stehen jedoch 200 Mio US Dollar Kosten gegenüber.
Technik:
Im Kino funktioniert das Ganze gerade deshalb so gut, weil der Film nicht permanent auf Effektgewitter setzt. Die Bilder sind klar, die Inszenierung fokussiert, und der Sound unterstützt die emotionale Reise, ohne sich aufzudrängen.
Fazit:
Der Astronaut – Projekt Hail Mary ist kein neues Interstellar. Aber vielleicht ist genau das seine größte Stärke.
Ein Film, der große Themen mit erstaunlicher Leichtigkeit erzählt, der seine Figuren ernst nimmt, ohne sich selbst zu wichtig zu machen – und der zeigt, dass selbst ein Weltuntergang manchmal auch eine Chance für Zusammenarbeit sein kann.
Und ganz nebenbei eine der charmantesten Freundschaften im All erzählt, die man seit Langem gesehen hat.
Der Astronaut ist also letztendlich ein Film über Solidarität, Vertrauen und Gemeinschaftssinn in einer ausweglosen Situation und absolut sehenswert, ganz besonders im Kino, denn es gibt starke und übergroße Bilder, die so nur im Kino wirken und nicht im Stream auf dem heimischen Fernseher, wie groß auch immer er sein mag.
Bewertung
Film: 4,5 von 5 Punkt
Technik im Kino:
Bild: 4 von 5
Ton: 5 von 5
P.S. Hail Mary bedeutet “eine mit hohem Risiko begangene Verzweiflung Aktion, bei der alles auf eine Karte gesetzt wird und man vor allem auf Glück hofft”.
In diesem Sinne
Eure Charlys Tante
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Kommentare
Unterm Strich bleibt es für mich dennoch ein sehr guter Film,der ja an vielen anderen Stellen alles richtig macht.