Springsteen Deliver me from Nowhere
2. August 2026
Bruce Springsteen – Deliver Me From Nowhere (Blu-ray)
Ein Film über Bruce Springsteen – und doch ganz anders, als man es erwarten würde. "Deliver Me From Nowhere" erzählt nicht die Geschichte eines Superstars, sondern die eines verletzlichen Menschen auf dem Weg zu seinem vielleicht wichtigsten Album: Nebraska.Bruce Springsteen dürfte jedem ernsthaften Musikfan wohl bekannt sein.
Bereits seit einiger Zeit habe ich die Blu-ray Disc Deliver Me From Nowhere in meinem Regal stehen und freute mich nun darauf, sie endlich anzusehen und wieder etwas in Bruce Springsteens Musik eintauchen zu dürfen. Doch weit gefehlt.
Der Film zeigt den Boss von einer ganz besonderen, frühen Seite – in einer Phase seines Lebens, in der er selbst noch nicht genau wusste, wohin ihn sein musikalischer Weg führen würde.
Im Mittelpunkt steht die Entstehung des Albums Nebraska, eines Werkes, das heute als sein persönlichstes und mutigstes Album gilt und entgegen aller Erwartungen ein großer Erfolg wurde.
Nebraska erschien 1982 und zählt bis heute zu den ungewöhnlichsten Alben in Bruce Springsteens Karriere. Nach dem Erfolg von The River erwarteten Fans und Plattenfirma eigentlich das nächste große Rockalbum mit der E Street Band. Stattdessen veröffentlichte Springsteen nahezu unverändert die ursprünglich nur als Demo gedachten Heimaufnahmen.
Entstanden sind sie auf einem TEAC 144 Vierspur-Kassettenrekorder in seinem Schlafzimmer.
Gerade diese raue, ungeschliffene Atmosphäre machte Nebraska später zu einem der einflussreichsten Singer-Songwriter-Alben überhaupt.
Der Film erzählt aber nicht nur die Geschichte dieses Albums. Er erzählt die Geschichte eines Menschen, der mit Depressionen kämpfte und dessen Kindheit ihn bis weit ins Erwachsenenleben prägte.
Es geht um Liebe und fehlende Geborgenheit in seiner Kindheit, um die innige Beziehung zu seiner Mutter und die schwierige, schmerzhafte Beziehung zu seinem Vater – einem Mann, den Bruce liebte, von dem er sich jedoch nie wirklich angenommen fühlte. Und natürlich geht es um die Musik und darum, wie man damals mit vergleichsweise einfachen Mitteln ein Album erschaffen konnte, das bis heute nachwirkt.
Es geht nicht um große Konzerte oder spektakuläre Bühnenshows.
Es geht nicht um eine Vielzahl musikalischer Höhepunkte.
Es geht nicht um die E Street Band, seine Geschwister oder nostalgische Rückblicke auf seine Karriere.
Der Film zeigt schonungslos, wie Bruce Springsteen damals war und mit welcher Akribie er sich diesem Album widmete.
Bruce Springsteen gewährt dem Zuschauer einen seltenen Einblick in seine Seele. Das ist nicht hoch genug zu schätzen. Er öffnet sich bewusst und macht den Film dadurch außergewöhnlich authentisch.
Gleichzeitig zeigt der Film auch den Wendepunkt seiner Karriere. Viele Ideen zu Born in the U.S.A. entstanden bereits während dieser Zeit.
Nach Nebraska schien Springsteen innerlich befreit und konnte seiner Kreativität freien Lauf lassen. Der Weg zum Weltstar war geebnet.
Es handelt sich nicht um Wohlfühlkino, aus dem man herauskommt und sagt: "Wow, was für ein großartiges Biopic!" Vielmehr verlässt man den Film eher nachdenklich. Man denkt an Künstler wie Amy Winehouse und viele andere, die an ihrem Ruhm zerbrochen sind, sich in Drogen und Alkohol verloren oder viel zu früh verstorben sind. Umso erstaunlicher erscheint es, dass Bruce Springsteen all diese Jahrzehnte überstanden hat und bis heute mit 76 Jahren noch auf der Bühne steht. Vielleicht ist genau das das eigentliche Wunder.
Ich selbst brauchte etwas um den richtigen Zugang zu diesem Film zu finden. Es ist eben kein gewöhnliches Musiker-Biopic. Es zeigt einen kleinen, aber wahrscheinlich entscheidenden Ausschnitt aus Bruce Springsteens Leben und seinem künstlerischen Schaffen.
Der Film zeigt einmal mehr, was hinter den Kulissen des Musikgeschäfts passiert. Es geht um Geld, Erfolg und goldene Schallplatten. Nur wenige Produzenten interessieren sich wirklich für den Künstler hinter den Demos. Die Verkaufszahlen und die Radiotauglichkeit der Songs sind wichtig. Viel zu oft müssen zuerst die Dollarzeichen in den Augen glänzen.
Für Bruce Springsteen war Nebraska jedoch weit mehr als ein Album. Es war Vergangenheitsbewältigung und Befreiung zugleich. Vielleicht musste er dieses Album genau so aufnehmen, um anschließend seinen Kopf frei zu bekommen und jene Musik zu schreiben, die ihn schließlich zu einem der größten Rockmusiker unserer Zeit machte.
Ich möchte hier gar nicht allzu sehr auf die Bild- und Tonqualität eingehen, obwohl der Ton bei einem Musik Biopic eigentlich die Hauptsache ist. Die beeindruckend erzählte Storyline schiebt die Musik aber etwas in den Hintergrund und das sogar im positiven Sinne.
Das Bild ist sehr gut und einer Blu-ray Disc absolut angemessen. Größere Schwächen konnte ich nicht erkennen. Gerade in den zahlreichen dunklen Szenen überzeugen Kontrast und Schwarzwert. Die Farben wirken natürlich und stimmig, die Schärfe bewegt sich auf einem hohen Niveau.
Auch der Ton ist nicht spektakulär – muss er aber auch gar nicht sein. Er unterstützt die ruhige und intime Erzählweise des Films hervorragend. Das Album Nebraska ist schließlich alles andere als ein lautes Rockalbum, sondern ein introvertiertes musikalisches Experiment, das wider Erwarten bis auf Platz 3 der US-Charts kletterte. Eine beachtliche Leistung für ein derart persönliches Werk.
Der Soundtrack orientiert sich bewusst an der Entstehungszeit von Nebraska und verbindet Bruce-Springsteen-Klassiker mit einigen zeittypischen Rock- und Bluesstücken. Er bleibt angenehm zurückhaltend, erlaubt sich aber immer wieder kleine emotionale Ausbrüche, die den Film musikalisch hervorragend unterstützen.
Meinen ersten intensiven Kontakt mit Bruce Springsteen hatte ich damals in den 70er Jahren mit Darkness on the Edge of Town. Dieses Album war für mich eine grandiose musikalische Erfahrung, die ich förmlich in mich aufgesogen habe. Nebraska hingegen konnte ich damals als junger Hörer überhaupt nicht einordnen. Musikalisch zog es mich eher zu Pink Floyd, Genesis, Deep Purple oder Yes. Das waren meine Musikikonen.
Eigene Sicht und Fazit:
Regisseur Scott Cooper verzichtet bewusst auf Glanz, Glamour und große Stadionkonzerte.
Wer ein klassisches Musiker-Biopic erwartet, dürfte zunächst überrascht sein. Stattdessen erzählt der Film die wohl wichtigste Phase in Bruce Springsteens künstlerischer Entwicklung – den schmalen Grat zwischen Selbstzweifeln, Depressionen und kreativer Befreiung.
Bruce Springsteen begleitete die Entstehung des Films intensiv und bestätigte mehrfach, dass dieser Abschnitt seines Lebens außergewöhnlich authentisch eingefangen wurde. Ihm war besonders wichtig, das an vielen Originalschauplätzen in New Jersey gedreht wurde – bis hin zu seinem damaligen Wohnhaus, in dem sein legendäres Album Nebraska entstand.
Gerade diese Detailtreue verleiht dem Film eine bemerkenswerte Glaubwürdigkeit.
Jeremy Allen White überzeugt dabei nicht nur schauspielerisch, sondern auch musikalisch. Für die Rolle lernte er eigens Gitarre zu spielen und nahm intensiven Gesangsunterricht. Dass er die Songs selbst interpretiert, verleiht dem Film zusätzliche Authentizität.
Ich selbst musste mich erst auf diese ruhige Erzählweise einlassen. Je länger ich über den Film nachdachte, desto mehr gewann er für mich an Tiefe. Er zeigt eben nicht den Mythos Bruce Springsteen, sondern den Menschen dahinter – einen Künstler, der ständig funktionieren soll, obwohl auch er mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Die angedeutete Liebesgeschichte unterstreicht zusätzlich die Zerrissenheit eines Menschen, der den Weg gehen muss, den ihm seine Kunst vorgibt, und dafür auch private Opfer bringt.
Vielleicht wird dieser Film nicht jedermanns Lieblings-Biopic über Bruce Springsteen werden. Für mich ist er jedoch eine bemerkenswert ehrliche Annäherung an einen Künstler, dessen größte Stärke vielleicht nie allein die gewaltigen Stadionkonzerte waren, sondern seine Fähigkeit, persönliche Verletzungen in zeitlose Musik zu verwandeln. Genau deshalb wirkt dieser Film noch lange nach.
Je länger ich über diesen Film nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, dass Bruce Springsteen mit Nebraska vielleicht sein ehrlichstes Album geschaffen hat. Genau diese Ehrlichkeit transportiert auch dieser Film – und gerade deshalb funktioniert er für mich so gut.
Titelliste des Soundtracks
Born in the U.S.A. (Power Station Version)
Nebraska
Atlantic City
Mansion on the Hill
Highway Patrolman
State Trooper
My Father's House
Reason to Believe
I'm on Fire
Lucille (feat. Jay Buchanan, Jake Kiszka u. a.)
Boom Boom (feat. Jay Buchanan, Jake Kiszka u. a.)I Put a Spell on You (feat. Jay Buchanan, Jake Kiszka u. a.)
Bewertung:
Film: 4,5 von 5 – weil er mutig aus dem üblichen Genre ausbricht und sich etwas traut.
Bild: 4 von 5 – ohne erkennbare größere Mängel.
Ton: 4 von 5 – unspektakulär, aber dem Film und seiner Atmosphäre absolut angemessen.
In diesem Sinne!
Eure Charlys Tante
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