Auf der Flucht vor seinen hartnäckigen Gläubigern, landet der abgehalferte Drehbuchautor Joe Gillis (William Holden) auf dem Gelände einer gespenstisch anmutenden, im Verfall begriffenen Villa.
Im Glauben, auf eine Bauruine getroffen zu sein, reagiert er überrascht, als ihm plötzlich der mondän gekleiderter Butler Max (Erich von Stroheim) in seinem akkurat gebügeltem Livree die Tür mit der Bemerkung öffnet, man würde ihn bereits erwarten.Ein Irrtum, wie sich herausstellt. Die Dame des Hauses, der einstige Stummfilmstar Norma Desmond (Gloria Swanson), hatte den Bestatter erwartet. Ihr Schimpanse war gestorben.
Norma ist eine alternde Hollywood Diva. Ihr Stern verblaßte zusammen mit der Stummfilmära. In ihrem fürstlich und völlig überladen eingerichteten Anwesen versucht sie den Glanz ihrer großen Tage zu konservieren. Sie schwelgt in Erinnerungen ihres Ruhmes und ist ständig von ihren eigenen Devotionalien und Erinnerungsstüclen umgeben. Das Haus ist ein Museum und strahlt ein entsprechend morbides Ambiente aus. Eine erdrückende Schwere belastet das Gemäuer und erfrischende Vitalität sucht man hier vergebens.
Als Norma erfährt, daß Joe Drehbuchautor ist, flammt Hoffnung in Norma auf: Joe soll ihr Manuskript, an dem sie seit Jahren arbeitet und welches ihr grandioses Comeback einläuten soll, überarbeiten und der Regielegende Cecille B. De Mille vorlegen. Mit De Mille (er spielt sich hier tatsächlich selbst, ebenso wie Buster Keaton in einer Bridgerunde!) feierte Norma in den 20er Jahren große Erfolge und sie wünscht sich nichts sehnlicher, als noch einmal als gefeierter Star die Liebe der Massen zu genießen.
So entwickelt sich eine Win Win Situation. Mit Joe's Jugend zieht wieder Vitalität in das Mausoleum und ein Jahrzehnte altes, eingestaubtes Auto wird aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und wieder reanimiert. Norma erlebt ihre Renaissance und späte Blüte. Joe hingegen wird von seiner neuen Mäzenin von hinten bis vorne verwöhnt. Neue schnittige Kleider sind das mindeste, womit er eingegarnt wird. Norma verfügt über ein schier unbegrenztes finanzielles Reservoir und kann ihm alle ersehnten Annehmlichkeiten eines Edelmannes bieten, nachdenen er sich immer gesehnt hat. Den schmutzigen Deal, den Gigola für Norma zu geben, nimmt Joe billigend in Kauf, da er mittlerweile nicht mehr auf den Luxus der Upper Class verzichten möchte.
Scleichend entwickelt sich Joe nach einiger Zeit zum Opfer von Normas Exzentric und finanzieller Unabhängigkeit. Keinen Kontakt mehr zur Außenwelt, verfällt Joe mehr und mehr den Spleens der Diva. Ohne Abgleich mit der Realtät, lebt Norma in ihrer Scheinwelt, in der sich die Welt mit ihr als Mittelpunkt dreht. Abgekapselt von der Zeit, kultivierte sie ihre Neurosen und baute sich ihre Luftschlösser. In ihrem staubigen Saloon lädt sie zu langatmigen und temperamentsarmen Bridgeabenden und einschläfernden Sylvesterfeiern.
Nachdem Joe das überarbeitete Manuskript an Paramount Pictures geschickt hat, geschieht das Unvorstellbare. Tage später klingelt das Telefon. Paramount ist am Apparat und man müße unbedingt Norma Desmond sprechen...
Was Billy Wilder hier geschaffen hat, ist ein psychologisches Meisterwerk sondergleichen. Die Viellschichtigkeit der Handlung und Symbole zu besprechen würde meinen Zeitrahmen sprengen. Angefangen von der Synchronität von Normas Seelenleben zu dem Zustand ihrer Behausung, über die zwielichtige, masochistische und selbstaufopfernde Haltung des Dieners Max zu Norma, über die Scheinheiligkeit des Showbiz und die sinnentleerte Extravaganz einer übergeschnappten High Society, über die Selbstverleugnung und den Wertebankrott Joes, bis hin zur zermarternden Suche nach Erfüllung und Anerkennung, Wilder zieht hier alle Register und übersät sein Werk mit Allegorien und Bildnissen.
Herausragend und sicherlich unvergessen in der Filmhistorie ist die Scene, in der Norma, nach Tagelanger Schönheitsmarter, auf dem Set von De Mille erscheint und von den alten Weggefährten wiedererkannt wird. Noch einmal richten sich die Scheinwerfer auf sie, noch einmal ist sie wieder der Star. Für den Bruchteil eines Augenblickes erlebt Norma Erfüllung. Für einen Moment verschmilzt sie mit dem Rampenlicht und überwindet ihr irdisches Dasein. Für diese einzelne Scene hätte der Film an sich schon einen Oscar verdient gehabt. Sie beeinhaltet so viel Emotion und verdichtet den ganzen Film, alles Sehnen, das ganze Sein und Leben Normas, auf einen Punkt. Ein Moment, in dem die Zeit für sie stillzustehen scheint und Normas Seele für einen Augenblick schweerelos wird. Im Moment der Erlösung wird alles erduldete Leiden aufegewogen. Ein Meisterstück des Regiehandwerkes, so etwas darstellen zu können.
Aber es gibt kaum eine Scene, über die man nicht referieren könnte oder die an Elementaren menschlichen Schwächen und Absurditäten kratzt. Z.B. das Verhältniss von Joe zu einer attraktiven Nachwuchsautorin, in der Joe zwar eine Seelenverwandte entdeckt, die aber schon vergeben ist. Trotzdem sorgen die Wahlverwandschaften dafür, daß das junge Fräullein sich mehr und mehr zu ihrem Lektor hingezogen fühlt. Auch hat sie charakterlich Joe weitaus mehr zu bieten als die übergeschnappte Liebhaberin, die mit theatralischen Selbstmordversuchen ihre Weggefährten an sich zu binden sucht.
Obwohl Joe sein Lebensglück zum Greifen nahe ist, zögert er, den Sack zuzumachen. Zu sehr ist er "Der Menschen Hörigkeit" im Sinne von W. Summerset Maughan verfallen, der Diktatur und perfiden Macht des süßen Giftes Geld, mit welchem Norma ihn in ihrem Spinnennetz gefangen hält. Diese Diskrepanz und innere Zerreißprobe ist es letztendlich, welches diesem Drama seinen letzten Schliff und grandioses Finale beschert.
Wer nur die heiteren und beschwingten Komödien von Billy Wilder wie 1,2,3 oder Manche mögens heiß kennt, kann sich nur schwerlich vorstellen, welches dramaturgisches Genie in Wilder schlummert. Mit einem ernst und souveränen Seriösität, die vor keinem Tabu zurückschreckt, wagt der Regisseur den Sprung von der Traumfabrik in die reale, bittere Wirklichkeit. Das aber mit einer Intelligenz und entlarvenden Ehrlichkeit, die an Unterhaltungswert so mancher Klassikerschmonzette mühelos den Rang abläuft. Großes Kino!
Wer sich an Sunset Boulevard zu ergötzen weiß, dem sei auch unbedingt Wilders Stalag 17 ans Herz gelegt. In diesem Lagerdrama erweist sich Wilder abermals als Großmeister menschlicher Psychologie und subtilen Thrills...
bewertet am 06.10.16 um 14:27