Verstörende Version Orson Welles von Kafkas Paranoiaklassiker "Der Prozess", der mit seinen in harten schwarz/weiß Kontrasten selbst so hoch gelobte Werke wie "Der dritte Mann" alt aussehen läßt.
Unsanft wird Joeph K. (A. Perkins) eines Morgens aus seinem Schlaf geweckt. Drei Polizeibeamte teilen ihm seinen Arrest mit. Er wisse schon wieso, brauche sich nicht dumm zu stellen und mehr Informationen könne ihm nur der Polizeiinspektor geben. Die Verhandlung werde bald stattfinden, er brauche nicht zu leugnen und es sehe nicht gut für ihn aus, da einige seiner Arbeitskollegen alles bezeugen können.
So vor den Kopf gestoßen macht sich Joseph auf den Weg in die Welt, um bei der Polizei, der Justiz, den Anwälten oder einfach nur bei seinen Mitbürgern zu erfahren, wessen er bezichtigt wird. Je tiefer er jedoch in den Dschungel des Rechtssystems eindringt, desto abstrakter, irrationaler und ominöser wird sein Fall. Die Menschen in seiner Umgebung, bedienen sich einer vieldeutigen und daher nichtssagenden kryptisch-fragmentalen Ausdrucksform, reden in vagen Andeutungen und bedienen sich dabei einer Logik, die mit dem alltäglichen Vernunftgebrauch nur noch die kleinstnötige Schnittmenge besitzt. Gefangen in dieser albtraumhaften Welt kämpft Joseph gegen die Mühlen und die Übermacht dieses abstrusen Systems an, um der sich immer enger um seinen Hals zuziehenden Schlinge zu entkommen.
Da sich die Rechtslogik jedoch dem gesunden Menschenverstand entzieht und die wirklichen Entscheidungsträger okkult und anonym bleiben, ist dies eine Sysyphusarbeit mit geringer Aussicht auf Erfolg.
So befremdlich die Menschen in Joseph K's Welt aber auch wirken, so durchdrungen sind sie von blinder Loyalität und Pflichtbewußtsein gegenüber dem Rechtsgetriebe des Staates und seiner Repräsentanten. Unbedingter Gehorsam wird hier kritischer Prüfung der Machtmechanismen vorgezogen.
Erst einmal unter die Mühlsteine der Justiz geraten und mit kriminellem Phlegma behaftet, wendet sich die Welt von Joseph ab und das Vorurteil ersetzt den Schuldspruch. In diesem wahnsinnigen System, in dem scheinbar nur die, Abnormen und vor diffuser Angst selbstverleugnerischen Menschen überleben können, und das sich gegen Joseph verschworen zu haben scheint, findet er keine Antwort auf seine Fragen nach dem Anklagegrund. Selbst sein Anwalt, Albert Hastler (Orson Welles), redet dekadent in seinem mächtigen und Schutz vor der Welt gebietenden Barockbett liegend, nur in juristisch vagen Orakeln. Einzig und allein Hastler's Sekretärin Leni (Romi Schneider), von schuldbehafteten Klienten erotisch angezogen, scheint sich etwas für Joseph zu interessieren und beginnt mit ihm eine kleine Liason. Ansonsten kreist jeder Mitbürger politisch korrekt in seinem eigenen Universum, um ja nicht in die Fänge der Justiz zu geraten. All das treibt Joseph schließlich in eine quälende menschliche Isolation und Ohmacht gegenüber einen unsichtbaren Gegner, der sich wohlmöglich auch einfach nur zwischen den Paragraphen versteckt, die ein Entkommen aus den Klauen des Rechtssystems unmöglich werden lassen.
So surreal das Verhalten der Menschen aus Kafkas Prozess auch ist, so sind ihnen die Kulissen nicht minder ebenbürtig. Kalte Plattenbauästhetik wechselt hier spielerisch mit Barokker Pracht und dem Design jenes Zeitalters, daß der Dampf und Stahl erschuf. Zwischengelagert werden auch immer wieder Sets von Zerfall und morbider Schönheit. Also genau wie das Verhalten der Menschen, folgt die Architektur des Films keiner erkennbaren Ordnung und offenbart dadurch die Zerfahrenheit des wirkenden Geistes. Dennoch ist dieses Design der eigentliche Clou des Films. So gut die Schauspieler es auch verstehen, Kafkas klaustrophische Atmosphäre umzusetzen, ohne die kunstvoll ausgeleuchteten Sets, die mit ihren kräftigen Schatten und schwarz/weiß Kontrasten eine expressionistische Scheinwelt erschaffen, wäre der Film nur halb so sehenswert.
Welles galt als Meister der Lichtgestaltung und verlangte seinen Kameramännern immer wieder ab, bereits vorhandenes zu übertrumpfen. So lief auch sein französischer Kameramann Edmund Richard zu Höchstform auf und erschuf Kompositionen von Licht- und Schattenspielen, die schlichtweg einfach nur faszinieren und atemberaubend ästhetisch sind.
Abgesehen von den Überzeugenden visuellen und schauspielerischen Darbietungen, bleibt natürlich noch die Frage, was es sich mit Kafkas "Prozess" an sich auf sich hat.
Den Begriff kafkaesk gibt es nicht umsonst. Er bezeichnet eine von Angst, Unsicherheit und Paranoia gefärbte Stimmung oder Situation, die rational nicht oder nur intuitiv zu erfassen ist und der eine quälende Ohnmacht, meist gegenüber anonymen Mächten gegenüber, zu eigen ist.
Genau darum geht es auch in dem Prozess. Das albtraumartige ausgeliefert sein, an eine Macht oder Welt, die man nicht versteht und gegen man nichts ausrichten kann. Die innere Qual die daraus entsteht, etwas intellektuel nicht überschauen zu können und die inneren Mechanismen nicht zu begreifen. So ist man nicht mehr Kontrolleur seines Lebens, sondern wird zum Kontrolliertern. Der damit verbundene Verlust der Autonomie führt zur Auslöschung des Gefühls der Freiheit und somit zwangsläufig zu der seelischen Beklemmung Kafkas Protagonisten.
Einige Leute gehen auch davon aus, daß sich Kafka in seinem "Prozess" von gesellschaftlich herangetragener Schuld entlasten wollte. Das jüdische Leben verlangte damals von seinen männlichen Mitgliedern die Rolle des "echten Menschen" auszufüllen. Konkret bedeutete dies, eine Frau zu heiraten, Kinder zu kriegen und für diese zu sorgen. Der kränkliche Franz Kafka fühlte sich dazu nicht in der Lage und wohl so einem gesellschaftlichen Generalverdacht ausgeliefert. Ähnlich wie in seinem Buch, mußte ihm im wirklichen Leben niemand sagen, weßhalb er sich schuldig zu fühlen hatte. Er wisse es ja ganz sicher "intuitiv".
Ob es jetzt wirklich aber ein tiefenpsychologischer Befreiungsschlag werden sollte oder ob es um die allgemeinschuld des Menschen geht, nicht der zu sein, der man sein möchte oder nicht das zu tun, was man sollte, sei jetzt mal dahingestellt. Fest steht, daß Kafkas Werk, ebenso wie Welles Film mit Symbolen überfrachtet ist, die je nach Lust und Laune künstlerisch bis psychologisch in alle Himmelsrichtungen gedeutet werden können, von dem eigentlichen Genuß dieser Meisterwerke aber bloß ablenken.
Das Bild weist nur minimale Spuren von Filmkorn auf, wirkt insgesamt sehr sauber und deatailreich. Die effektvollen schwarz/weiß Kontraste werden präzise dargestellt.
Der Ton ist insgesamt sauber und frei von rauschen, jedoch oft undeutlich, so daß geraten wird, deutsche Untertitel mitlaufen zu lassen.
bewertet am 02.01.13 um 14:52