Marcel Carne's 1938 verfilmter Roman des 11 Jahre zuvor erschienen Buches von Pierre MacOrlan, gehört zu den markanten Wendepunkten der Filmgeschichte.
Nie zuvor war ein Filmuniversum so vollgepackt mit gebrochenen Existenzen und verzweifelten Menschen, deren Illusionen vom Glück schon lange zerbrochen sind.
Hafen im Nebel zeichnet ein in Nebelschwaden und naße Pflastersteine getauchtes, düsteres Bild der unteren Gesellschaftschichten, daß nur durch Zynismus, Alkohol und gedankliche Flucht in die Vergangenheit zu ertragen ist. Ein Entkommen dieser bedrückenden Umstände ist nur durch Selbstmord oder Ausreißen in fremde Länder auf einem der im Hafen von Le Havre vor Anker liegenden Ozeanriesen möglich.
In diesem seelenlosen Küstenort taucht eines Nachts der Soldat Jean (Gabin) auf. Zermürbt und angewiedert vom Töten, ist er aus der Kolonialarmee getürmt. Der Hafen von Le Havre scheint ihm eine Perspektive zu eröffnen: Mit dem Schiff in ein fernes Land zu fahren, um ein neues Leben zu beginnen.
In Le Havre angekommen wird Jean vom Kleinkriminellen und Trunkenbold Aimos aufgeschnappt, der ihn mit zu einer abgelegenen Absteige am Hafenrand schleppt. Dort tummeln sich der Wirt Panama, so genannt weil er oft von seiner vor 20 Jahren durchgeführten Reise durch den Suezkanal, der den Höhepunkt seines Lebens bildete, schwärmt, und ein desillusionierter depressiver Künstler, der sich permanent selbst bemitleidet, weil er nur noch das verborgen traurige hinter den Dingen sehen kann.
Panama läuft noch immer im Tropenanzug rum, um sich so des höchsten erlebten Glücksmomentes immer wieder zu vergegenwärtigen und verweist stolz auf ein billiges Flaschenschiffsouvenir dieser Reise.
In einer Nebenkammer, in der Jean eine kleine Mahlzeit zu sich nimmt, befindet sich aber noch etwas, was so gar nicht in diese morbide Welt hineinpaßt: Die wunderschöne Nelly (Michele Morgan). Von eigenen schlechten Frauenerfahrungen angetrieben, wettert er hemmungslos gegen die Verlogenheit der Liebe und verdächtigt die 17 jährige Nelly auch sofort der Prostitution.
Dennoch kommen sich die beiden näher und fühlen sich schnell zueinander hingezogen. Und was nicht mehr für möglich gehalten wurde, wird Wirklichkeit: Die beiden verlieben sich ineinander und erhaschen inmitten einer Welt der Verzweiflung für einige Augenblicke Momente des Glücks.
Doch ist Le Havre nicht Hollywood und ein Happy End ist in dieser Tristesse nicht vorgesehen.
Auf einer kleinen Kirmes, die an sich den ausgelassen Höhepunkt ihrer noch jungen Liebe darstellen soll, begegnen sie dem verzogenen möchtegerne Al Capone Lucien. Lucien, zuvor am Hafen von Jean in seine Schranken verwiesen, als er seine Finger nicht von Nelly lassen wollte, gerät hier erneut an Jean, als er diesem auf dem Autoscooter aus lauter Jux und Angeberei den Hut vom Schädel schlägt. Jean's Reaktion folgt prompt: Wieder demütigt er Lucien und erteilt ihm eine Portion Ohrfeigen. Doch diesmal sind außer seinen Freunden auch noch seine Freundin anwesend. Als diese über Luciens blamables Auftreten lacht, sieht Lucien rot. Jean muß sterben, damit er seine Ehre wiederfindet.
So nimmt das Schicksal in Le Havre nicht einmal auf ein frisch verliebtes Paar Rücksicht.
Als Jean, der schon auf einem Ozeandampfer nach Übersee eingeschifft hat, noch einmal von Liebeskummer und Abschiedsschmerz getrieben wird und Nelly (die Nachreisen möchte) auf Wiedersehen sagen möchte, wird er von ihrem Ziehvater Zabel (Michel Simon) angegriffen. Dieser hat schon einmal einen Freund Nellys aus Eifersucht getötet und fällt auch sofort über Jean her, als er erfährt, daß Nelly von seinem Mord an Maurice weiß und ihn für Jean verlassen möchte. Das Einzige zu verlieren, was etwas Licht in sein Leben gebracht hat, verkraftet er nicht.
Jean jedoch, deutlich jünger und Zabel körperlich überlegen, kann den Angreifer ausschalten. Als die Wege zu einer hoffnungsvollen Zukunft freigelegt zu sein scheinen, taucht plötzlich, wie aus dem Nichts, der gedemütigte Ganove Lucien auf....
Mit seiner depressiven Grundstimmung, den gebrochenen Charakteren und dem pessimistischen Weltbild, welches das Glück immer in die Vergangenheit oder in die Hände der Anderen projeziert, nahm Marcel Carne schon viele Stilelemente der Schwarzen Serie vorweg.
Unter vielen Geburtsschwierigkeiten leidend, dem Produzenten war der Film viel zu düster und daher nicht kassenträchtig genug, konnte er jedoch durch die massive Fürsprache Jean Gabins, dem größten französischen Filmstar jener Zeit, realisiert werden.
Das der Film jedoch sofort einschlug wie eine Bombe und fast sämtliche Filmpreise einheimste, hatte so aber sicherlich niemand erwartet.
Doch hatte Hafen im Nebel scheinbar die von Tod und Angst geprägte Vorkriegsstimmung der Franzosen exakt auf den Punkt getroffen.
Weil der Film aber nicht nur historisch interessant ist, sondern auch heute noch mit seinem dysphorischen Stimmungsbild, den bravourösen Schauspielern und beklemmenden s/w Aufnahmen überzeugen kann, hat er das Prädikat Klassiker, also ein Film, den die Moden und Launen des Zeitgeistes nichts anhaben konnten, redlich verdient.
Was heute noch genauso bleibt wie damals, ist ein nach wie vor fesselnder Blick in die seelischen Abgründe verzweifelter Menschen und ein düster trauriges Manifest der Hoffnungslosigkeit, an deren athmosphärisch karg morbiden Bildsprache der vom Expessionismus geprägte Kameramann Eugen Schüfftan erheblichen Anteil hat.
Interessant ist auch, daß viele Bilder und Scenen, ähnlich wie die des depressiven Malers in Panama's Kneipe, eine doppelte Bedeutung zu haben scheinen.
So steht z.b. das bei einem Feuergefecht Panama's zerschossene Flaschenschiff symbolisch für seine zerplatzten und nun in Scherben liegende Träume.
Der durchsichtige Plastikregenmantel Nellys, in dem sie zum ersten mal auf Jean trifft, symbolisiert die ätherische, unstoffliche Eigenschaft der Liebe, sowie deren gläserne Zerbrechlichkeit.
Auch das Jean seine Soldatentracht gegen den Anzug des Malers, nach dessem Selbstmord, austauscht, brandmarkt ihn bereits als vom Tod gezeichneten und begleiteten.
Das stärkste und wohl auch am meisten imitierte Bild, mit nahezu ikonenhafter Bewunderung verehrt, stellt jedoch Jean und Nelly dar, wie sie sich hinter einem Fenster, getrennt durch den den Mittelbalken, gegenüber stehen. Hier gibt das Schicksal bereits erste Hinweise darauf, daß die beiden nicht zusammenfinden werden...
Das Bild ist altersbedingt sehr weich und mitunter auch etwas unscharf, was aber durchaus gewollt sein kann, da es den nebligen Look des Films unterstreicht. So darf man denn auch keine pepperonischarfes Material erwarten, der Klassikerfreund wird aber mit einem ordentlich restaurierten Bild belohnt, bei dem die Beibehaltung der Originalausleuchtung mit seinen harten s/w Kontrasten, Vorrang vor HD Feeling hat.
Der Ton ist mitunter etwas nuschelig und leise, mit etwas Manipulation am Lautstärkenregler, läßt sich dieses Problem aber denkbar einfach und nachhaltig beheben.
bewertet am 25.12.12 um 12:15