Vielschichtiger Experimentalfilm, der sich mit einem Mix aus Cyber Punk, Mystik und Psychodrama einer eindeutigen Interpretation entzieht, auf Grund des profunden cineastischen Wissens Arronofskys und der intensiven Beschäftigung des Regisseurs mit Spritualität (The Fountain) aber nicht banalisiert werden darf und dessen vielschichtiger Symbolismus weit über das rein Gezeigte hinausragt.
Als Kind hat Max, entgegen der Warnung seiner Mutter, direkt so lange in die Sonne geschaut, bis er erblindete. Bevor er aber das Augenlicht verlor, habe er "verstanden".
Von dieser Schau geprägt, wird Max, der sein Augenlicht allmählich wiedergefunden hat, später Mathematiker, um dieser hinter allem stehenden einen Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. Über die Mathematik, die seiner Ansicht nach die Sprache der Natur, bzw. Gottes ist, soll sich ihm das Geheimnis der grundlegenden Natur der Erscheinungswelt offenbaren.
Als Schlüßel hierzu soll ihm die myseriöse Zahl PI (Die Fläche eines Kreises ist genau Radius mal PI Quadrat) dienen, die sich nach dem Komma in einer endlos sich nicht wiederholenden Zahlenfolge fortsetzt.
Hier lassen sich schon die ersten Bilder biblisch religiös deuten. Die Aussage der Mutter, nicht in die Sonne zu schauen, könnte man mit Gottes Verbot an Adam gleichsetzen, nicht den Apfel vom verbotenen Baum, dem Baun der Erkenntnis zu verspeisen. Dies aber genau tut Max und wird umgehend aus dem Paradies der Unbekümmertheit der unwissenden kindlichen Existenz vertrieben.
Er ist seitdem ein unglücklicher, gequälte Mensch, der sich vom Leben und seinen Vergnügungen abgeschottet (seine Wohnungstür ist mit ca.10 Schlößern gesichert), und sich völlig in seinen Intellekt zurück gezogen hat. Den Annäherungsversuchen einer Nachbarin und den Neckereien eines kleinen Mädchens begegnet er abweisend und schroff. Emotionale Bindungen scheinen nur Hindernisse auf dem Weg zur Erkenntniss zu sein.
So ist es auch nur logisch, daß Max einziger Kontakt sein ehemaliger Mathemathikprofessor ist, mit dem er Strategiespiele spielt und über Mathematik philosophiert.
Dieser ist allerdings von Max Isolierung und mathematischer Forschung wenig begeistert. Auch er habe sich einst mit der Zahl PI beschäftigt. Er halte diese Forschung jedoch für gefährlich, er selbst habe damals durch diese Beschäftigung einen Schlaganfall erlitten, und nutzlos. Sie führe zu nichts. Er solle lieber in die Welt hinausgehen, sich eine Freundin suchen und das Leben genießen.
Diesem Vorschlag kommt Max jedoch in keinster Weise nach. Im Gegenteil: Als ihm eine undurchsichtige Organisation einen neuen Chip für seinen Rechner anbietet, kann er nicht widerstehen und vertieft sich noch intensiver in seine Forschung.
Als er schließlich auf eine 216stellige Zahl trifft, die der Schlüßel zum Verständnis der phänomenalen Welt zu sein scheint, bedrängen ihn die Organisation ebenso wie eine Gruppe jüdischer Kabalisten, ihnen die Zahl zu offenbaren.
Die Organisation will damit das Geschehen der Börsenkurse vorhersagen um damit Profit zu machen, die Kaballisten brauchen den Code, damit dieser (in Worte umgewandelt) von einer reinen Seele ausgesprochen, Gott offenbaren werde.
Max lehnt jedoch beides ab. Er unterscheidet nicht zwischen den Motivationen der Gruppen. Ob nun profane Motivationen (Geld) oder heilige (Gottesschau) dahinter stecken, er sieht in beiden Gruppen nur Fanatiker, die sich mit dem Wissen ein Vorteil für ihre Partei sichern wollen. Außerdem sei die reine Zahlenkombination nutzlos. Man muß ihre Bedeutung intuitiv erfassen, um sie nutzen zu können. Das dafür nicht jeder Geist bereit ist, muß auch der Mentor von Max schmerzlich am eigenen Leib erfahren.
Von Max Entdeckung angestachelt, begibt auch er sich wieder an die Erforschung der Zahl PI.
Als er jedoch dem Zahlencode auf die Spur kommt und ihn ausdrucken kann, bevor der Computer abstürzt, erleidet er einen neuen Schlaganfall. Die Zahl (Gott?) war für Mensch und Technik zu groß. Der göttlichen Dimension konnten weder künstliche noch neurologische Schaltkreise standhalten.
Max hingegen kann mit der Zahl eine zeitlang leben. Seine Motivation war rein. Er war auf der Suche nach reiner Erkenntniss und nicht nach weltlichem Vorteil aus. Im Gegenteil: er vermeidete Geld, Frauen und Ruhm um seinen inneren Durst zu stillen.
Aber auch er muß nach kürzerer Zeit dann doch kapitulieren.
Er leidet schon seit Jahren an starker Migräne und halluzinatorischen Zuständen, die er nur mit Psychopharmaka einigermaßen unter Kontrolle kriegt.
Nach seiner Schau jedoch, befindet er sich an der Grenze zum Wahnsinn und ist kurz davor, seinen Verstand zu verlieren. In äußerster Verzweiflung versucht Max, sich seiner geistigen Folter mittels einer Bohrmaschiene zu entledigen. Er bohrt sich sich ein Loch in den Kopf, um seine Pein und seinen quälenden (bohrenden) Intellekt zu zerstören.
Danach sieht man Max seelig lächelnd im Park sitzen. Das kleine Mädchen aus dem Treppenhaus stellt ihm wieder mathematische Fragen. Er kann sie nicht mehr lösen. Dennoch ist sein Gesicht von freudiger Zuwendung gekennzeichnet. Zum ersten mal zeigt er Interesse für seine Mitmenschen.
Still genießend schaut er in der Schlußscene der Sonne zu, wie ihre Strahlen im bewegten Laub eines Baumes spielen.
Er hat jetzt erkannt, daß das Geheimniss nicht vom Verstand verstanden werden, aber in stiller Betrachtung erkannt werden kann.
Zwischen dem höchsten, der Sonne, dem Licht der Erkenntnis (Gott) und dem Lebenden, der Erscheinungswelt, dem Baum, gibt es keinen Unterschied.
In einer reinen Schau offenbart sich das offensichtlich Gesehene als untrennbarer Ausdruck des letztendlichen Myteriums.
Durch die Zerstörung des arbeitenden und interpretierenden des Verstandes, hat sich der verhüllende Schleier der Ideenwelt gelüftet.
Genau darauf spielt übrigens auch William Blakes berümtes Zitat "If the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite." an, das für den Titel von Aldous Huxleys Buch, sowie den Namen der Band "The Doors" verantwortlich ist.
Ob meine Interpretation jetzt überbewertet ist, sei dahingestellt. Zu kryptisch und kaffkaesk verzahnen sich hier Symbolysmus, cineastische Spielfreude und Doppelbödigkeit miteinander, als das auf Eindeutigkeit gepocht werden könnte.
Das ich aber nicht völlig danebenliege ist zu vermuten, da Arronofsky als gebildeter Jude eng mit der Jüdische-mystischen Zahlenleere vertraut ist und der Bezug zu ontologischen Themen überdeutlich zutage tritt.
Auch das Symbol des Baumes zu Beginn und zu Anfang des Filmes, sind immer widerkehrende Symbole der jüdischen Mystik. Durch die filmisch unscharfe Trennung von Sonnenlicht um Baumsilhouette, wird die Grenze zwischen Geist und Materie mit einem einfachen Trick verwischt.
Ein anderer interessanter Nebenaspekt, ist das wiederholt auftauchende Ameisenmotiv. Mehrmals wird sein Computer durch das Einwirken einer Ameise sabotiert. Hier wird plakativ dargestellt, daß das größte Produkt des menschlichen Geistes, der Computer, selbst dem kleinsten Gottesgeschöpf, der Ameise, unterlegen ist. Dies ist ein sehr schöner Ausdruck, die Vermessenheit und Arroganz des Intellektes, mit einem einfachen Bild in die Schranken zu verweisen.
Wenn man das Bild nicht als gewolltes cineastisches Ausdrucksmittel einstufen würde, müßte man es als eine Frechheit bezeichnen. Das Schwarz/Weiß Bild ist zum Teil überbelichtet wie alte Stummfilmschinken und die Grobkörnigkeit des Bildes gleicht der von Metzger Plum's Dinkelsalami.
Ich unterstelle aber einfach mal, daß all dies jedoch gewollt ist um künstlerisch die festen Grenzen des Realen aufzulösen, sowie die Beschaffenheit der Welt aus dem (göttlichen?) Licht zu verdeutlichen. Damit unterstützt die Wahl des Filmmaterials die Botschaft des Films folgerichtig.
Auch wenn sich dem Zuschauer einige Aspekte des Films zu erschließen scheinen, teilt er am Ende Maxs Schicksal. Er kann den Film in seiner ganzen Breite nicht verstehen, bei entsprechender Polung die ihm zu Grunde liegende Botschaft aber intuitiv erahnen...
bewertet am 13.10.12 um 13:01