Wie ein wilder Stier eilt der Ruf voraus, der beste Film des Regisseurs Martin Scorseses zu sein. Aber warum bloß wollte ihn bei seiner Erstveröffentlichung keiner sehen? Und warum will ihn auch heute noch kaum jemand sehen?
Liegt das an der Scorsese typischen, behäbigen Erzählweise? Oder etwa an an den ermüdenden Alltagsdialogen?
Dieses Phänomen zu beleuchten schreit geradezu nach einer kleinen Betrachtung.
Gründe, den Film für immer im Sumpf der Belanglosigkeiten verschwinden zu lassen, sind nämlich in Raging Bulls ebenso zu finden gute wie Gründe, diesen Film zu würdigen!
Die eigentlichen Gründe für die heutige, meist uneingeschränkt positive Reputation dürfte aber in erster Linie vor allem an der Tatsache liegen, daß dem Intellektuellem Kinogänger Anfang der achtziger Jahre, als Hollywood auf einmal registrierte, daß sich mit seichten Filmchen ala Der weiße Hai und mit Special Effekt Filmen mit Happy End (Krieg der Sterne), mehr Geld verdienen läßt, als mit den problembeladenen Filmen der New Hollywood Generation, auf einmal der Gehirnfutternachschub ausging und Ihm nichts anderes übrig blieb, als Filme, die er soeben noch mit Mißachtung gestraft hat, postwendend in den Filmolymp zu hieven.
Dabei wartet "Wie ein wilder Stier" jedoch mit genug bemerkenswerte Elemente auf, die besonderes Lob verdient haben: Da wäre zum ersten die bis zum erbrechen erwähnte herausragende schauspielerische Leistung Robert de Niros, der mit seiner Gewichtszunahme von 30 kg während des Films, den Begriff des Method Acting neu deffinierte, und anderseits die Kameraarbeit von Michael Chapman, der das Biotop des Underdogs auf kongeniale eingefangen hat. Auch die Kampfscenen aus dem Ring heraus gab es bis dato so noch nicht zu sehen und fangen erstmals die ungefilterte Brutalität dieses Sportes ein. Unvergessen für jeden der diesen Film gesehen hat, dürften die Zeitlupenaufnahmen sein, in denen sich die Boxer mit voller Möhre die Grütze aus der Birne prügeln.
Interessant bei der Beschäftigung mit dem Film ist in erster Linie die Tatsache, daß Scorsese den Film zuerst eigentlich gar nicht machen wollte. De Niro lag Scorsese zwar schon seit einigen Jahren mit der Biographie Jake La Mottas in den Ohren, Scorsese aber, dessen Filme immer von den gesellschaftlichen und religiösen Konflikten seiner Vergangenheit motiviert waren, fand zu der Biographie des Boxers einfach keinen Zugang.
Das änderte sich erst Ende der siebziger Jahre, als das Filmeschaffen für die Vertreter des amerikanischen Autorenkinos zunehmend schwieriger wurde, da die alten Studiobosse durch Finanzexperten ersetzt wurden. Diese wollten kein Geld mehr für Filme locker machen, deren Idiologie tief in den sechziger Jahren, dem Rassenkonflikt und dem Vietnamkrieg verwurzelt waren. Auch waren die alten Seilschaften der von Coppola ins Leben gerufenen American Zoetrepe Ära durch Neid, Mißgunst, Egomanie und Drogenmißbrauch zersetzt worden.
Vom Drogenmißbrauch war am Ende der siebziger Jahre auch Scorsese tief gezeichnet. So tief, daß er sogar der Meinung war, er würde Raging Bulls nicht überleben und der Film sei sein Abschiedsbrief an die Welt.
Was Anfang der siebziger noch mit harmloser Kifferei angefangen hatte, entwickelte sich im Verlauf des Jahrzehnts zu einer handfesten Alkohol und Kokainsucht, die aus Ihm am Ende zu einem monatelangen Bewohner diverser Intensiv und Entzugsstationen machte.
Am Ende dieser Phase hatte er jedoch etwas, was er als Filmemacher immer dringend gebraucht hatte: einen persönlichen Zugang zu dem Drehbuch.
Jake La Motta personifizierte nun in idealer Weise das Leben Scorses: Der Einzelkämpfer, die Obrigkeit, das System, die Wut , die Ohnmacht, die Selbstzerstörung und das letztendliche Scheitern la Mottas waren nahezu perfekte Allegorien auf Scorseses damalige Lebensumstände.
Das das Drehbuch dabei um einige Facetten aus Scorseses Leben angereichert wurde, scheint dabei nur konsequent, hat aber zu viel bösem Blut hinter den Kulissen geführt.
Auch die Rücksichtlosigkeit des Regisseurs hat nicht unbedingt zur entspannten Atmosphäre des Drehs beigetragen. Da Scorsese der Meinung war, "Wie ein wilder Stier" sei sein filmisches Vermächtniss, war er nur sehr bedingt bereit Kompromisse einzugehen. Daher läßt sich auch die expliziete Gewalt ebenso erklären, wie die Scene, in der sich La Motta kurz vor dem Kampf Eiswürfel in die Unterhose kippt, um die kräftezehrenden Konsequenzen der Oralakrobatik seiner Frau zu unterbinden. So etwas gab es bis dahin auf der großen Leinwand noch nicht zu sehen.
So innovativ hier aber auch einiges gewesen sein mag, so herrausragend de Niros Leistung und seiner Supporter, vor allem Joe Pesci, auch heute noch beurteilt werden müßen, so sehr ein Underdog auch immer irgendwie als mitleidserhaschender Sympathieträger funktioniert, und wie interessant auch immer die Geschichte hinter dem Film sein mag, so wenig darf man den Film als Gesamtkunstwerk aus den Augen lassen.
Denn als Ganzes funktioniert der Film eben nur phasenweise und versinkt in einigen längeren Passagen auch ganz im Mittelmaß. Dabei merkt man am Stil des Filmes immer deutlich, daß Scorsese sich an seinen Idolen, den legendären Regisseuren des französischen Autorenkino der sechziger Jahre, dem Nouvelle Vague, orientiert. Das scheitern Scorseses aber, deren vitale virtuosität zu kopieren, führt dazu, daß Raging Bulls von einem roten Faden der Langatmigkeit durchzogen ist.
Fazit:
Was bleibt ist ein Klassiker der Filmgeschichte, der leider nur durch genauere Analyse und exklusives Hintergrundwissen dazu geworden ist. Und das darfs ja beim besten Willen nicht sein.
Ein echter Klassiker ist für mich immer noch ein Film, der einen schon beim ersten betrachten in seinen Bann zieht, einen bleibenden Eindruck und die Vorfreude hinterläßt, dem Film in möglichst naher Zukunft nocheinmal zu begegnen. Das ist bei Raging Bulls aber nicht zuletzt wegen seiner Vielzahl belangloser Dialoge und abgehackter Erzählweise auf keinen Fall der Fall.
Da Raging Bulls aber nunmal zum inneren Kanon der Cineastengemeinde gehört, muß man Ihn als (selbsternannter) Cineast nun auch auf Gedeih und Verderb verteidigen um sich in diesem erlauchten Kreis keine Feinde zu machen. So kann denn auch kein noch so festes Rütteln dieses Denkmal zum Einsturz bringen.
Dafür muß Scorsese mit Filmen wie "Shutter Island" schon selber sorgen!
bewertet am 26.09.11 um 22:02