Ein Gossenmärchen oder Gossenpoesie?
Wolfsmilch ist ein Film, den ich lange vor mir herschob. Ich dachte immer, der müsste gut sein, schon weil beide Hauptdarsteller für den Oscar nominiert worden sind. Das heißt natürlich nichts und ist sogar ein Risiko, nur deswegen den Film anzuschauen oder nur deswegen hohe Erwartungen zu haben.
Der Film beginnt stark und ich stellte schon in den ersten Minuten wieder fest, wie genial Jack Nicholson ist. Manchmal vergesse ich das nämlich, weil man zu oft von ihm verwöhnt worden ist. Beste Beispiele sind seine Leistungen in Einer flog über das Kuckucksnest und Shining sowie auch Chinatown oder seine kleine, wichtige Nebenrolle in Easy Rider.
Der Film beginnt auf einem Friedhof, wo er neben Tom Waits in diesen Szenen brilliert. Schnell wird klar, dass es nicht nur eine Ghetto-Story der 30er wird, sondern sich um ein persönliches Drama um Francis (Nicholson) handelt, der durch einen tödlichen Schicksalsschlag seines Sohnes, für den er im betrunkenen Zustand verantwortlich war, auf der Straße landete. Die politische Situation war um diese Zeit sowieso schlecht, die Wirtschaftskrise war in aller Munde. Viel Armut, obwohl das eben die Ausrede der Kapitalisten ist, wenn es eine Wirtschaftskrise gibt: dass das immer der Grund für Armut und Bildungslücken sei, obwohl es immer sehr viel Armut in den USA gibt, auch wenn die Wirtschaft super funktioniert.
Doch leider behandelt der Film zu wenig das politische Thema, sondern es geht meistens nur um die Figuren. Es geht um Selbstzweifel, Reue und verlorene Lebenszeit. Auch Depressionen und Halluzinationen verfolgen Francis.
Und ja, da gab es noch Helen, gespielt von Meryl Streep, eine ehemalige Musikerin, die ebenfalls obdachlos ist und dem Alkohol verfallen ist. Doch ihre Figur fand ich unnötig. Ich bin der Meinung, der Film war um einiges besser, als sie noch nicht da war. Meiner Meinung nach hätte der ganze Film auf dem Friedhof spielen können, auf dem Francis gelegentlich arbeitet und Löcher schaufelt. Da war die innere Aussage der Figur am besten und ich konnte sie nachvollziehen.
Als Helen ins Spiel kam, ging die Macht der Geschichte etwas verloren und sie lenkt teilweise vom Thema ab. Ihre Probleme waren für mich ein Problem im Film zu viel. Man hätte Francis die ganze Aufmerksamkeit schenken müssen. Obwohl Meryl Streep eine gute Schauspielerin ist, keine Frage, an ihr liegt es nicht, sondern am Drehbuch.
Auch der Film, der eigentlich nicht viel erzählt, ging dann in eine andere Richtung und Francis wagt sich wieder an sein altes Leben, das er vor 22 Jahren gelebt hat, Schritt für Schritt heran. Das deutete sich ja schon von Anfang an ein bisschen an, als Francis mit Rudy (Tom Waits) im Bus von der Friedhofsarbeit nach Hause fährt und er vom alten Leben ein bisschen erzählt. Vor allem als der Bus an seinem alten Haus vorbeifährt, merkte ich als Zuschauer, dass es Francis egal ist, was die Vergangenheit mit sich brachte.
Letztendlich plätscherte der Film für mich zu sehr vor sich hin. Langweilig ist der Film nur gerade so, dass man nicht einschläft. Er hält noch einigermaßen wach.
Fazit
Es hätte ein politischer Angriff auf den Kapitalismus sein müssen. Da haben wir eine Wirtschaftskrise, Obdachlosigkeit und Aktivisten, die die Obdachlosen nicht wollen. Doch der Film erzählt lediglich die Geschichte von Francis, die zwar interessant aufgebaut wird, aber durch viele Ablenkungen auch immer langweiliger wird.
Die Kulissen der 30er in Albany (New York) wirken für mich etwas zu gestellt. Ich fühlte mich nie in einem Slum, sondern eher auf einer Theaterbühne, und die Kleider der Darsteller sahen aus wie aus einer Mottenkiste von Tante Gertrud.
Ich lobe die Leistungen von Jack Nicholson, Tom Waits und teilweise auch die von Meryl Streep. Schlussendlich fand ich den Film nicht schlecht, leider sind nur die ersten 15 Minuten des Films genial.
Für mich ist Wolfsmilch kein Gossenmärchen. Dafür hatte der Film zu wenig Entertainment. Für Gossenpoesie hätte ich mir mehr Authentizität gewünscht. Dennoch bleibt es Poesie.
bewertet am 23.08.26 um 14:16