Nachtschicht ohne Hoffnung: Warum „Heldin“ so weh tut:
Das schweizerisch-deutsche Drama Heldin konfrontiert sein Publikum mit einer schrecklichen Wahrheit, die nach außen gerne beschönigt wird. Man spricht vom „Fachkräftemangel“, doch in Wahrheit geht es um etwas anderes: Diese Berufe sind extrem hart, schlecht bezahlt und inzwischen so unattraktiv geworden, dass kaum noch jemand bereit ist, sie dauerhaft auszuüben. Gleichzeitig zwingt der ökonomische Druck viele Betriebe dazu, Personalkosten zu sparen – mit der Folge, dass einzelne Menschen die Arbeit von drei erledigen müssen. Der Kapitalismus ist nie dafür gebaut worden, fair zu sein oder Chancengleichheit zu fördern. Sein Ziel ist Profit. Und dieser Profit wird kalkuliert – auch über Einsparungen beim Personal.
Heldin zeigt eine einzige Nachtschicht einer Krankenpflegerin in einem Schweizer Spital. Floria macht ihren Beruf mit Leidenschaft, fast mit Berufung. Man hat das Gefühl, sie ist geboren dafür, Menschen zu helfen. Diese Haltung geht weit über das hinaus, was man gemeinhin als „Job“ bezeichnet. Doch genau diese innere Einstellung wird ihr zum Verhängnis, denn die strukturellen Probleme des Arbeitsmarktes machen ihr einen Strich durch die Rechnung.
In dieser Nacht sind nur zwei Pflegekräfte für eine Vielzahl von Patientinnen und Patienten zuständig. Sie kommen kaum hinterher. Die Überforderung ist permanent spürbar, Fehler werden wahrscheinlicher, die psychische Belastung wächst mit jeder Stunde. Der Film macht dabei eines sehr deutlich: Es fehlt nicht an Engagement oder Kompetenz, sondern an Menschen.
Manche Zuschauer könnten sich fragen, warum die Hierarchie scheinbar fehlt. Doch sie fehlt keineswegs – sie ist ständig präsent, nur eben unsichtbar. Nachts sind die Chefs nicht vor Ort. Es gibt Notärzte und Pikettdienste für den Ernstfall, aber die Entscheidungsträger, die „Elite“, ist abwesend. Gerade in der Nacht wird am meisten Personal eingespart – auf dem Rücken jener, die das Pech haben, diese Schichten zu übernehmen.
Bei Floria hat man nie das Gefühl, dass sie ihre Arbeit hinterfragt oder halbherzig erledigt. Sie ist professionell, aufmerksam, empathisch. Doch genau solche Menschen werden durch das System langsam ausgehöhlt. Sie geben alles – Schweiß, Herzblut, Menschlichkeit – bis nichts mehr übrig ist. Bis sie aufgeben. Nicht, weil sie ungeeignet wären, sondern weil sie ausgepresst wurden wie eine Zitrone, aus der kein Saft mehr kommt.
Floria tut einem leid. Nicht aus Mitleid, sondern aus Wut darüber, wie selbstverständlich ihr Einsatz ausgenutzt wird. Ohne Pardon. Natürlich hat auch sie ein Privatleben – theoretisch. In der Schweiz, mit 42–45-Stunden-Wochen, oft verteilt auf fünf oder sogar sechs Tage, bleibt davon wenig übrig. Auch sie muss Rechnungen bezahlen, und es ist offensichtlich, dass sie für diese Arbeit massiv unterbezahlt ist.
Der Film zeigt eindringlich, dass sich am Arbeitsmarkt und an den Systemen etwas ändern muss, wenn wir nicht weiter in Richtung moderner Sklaverei abrutschen wollen.
Leonie Benesch verkörpert Floria sensationell. Ihre Darstellung ist zurückhaltend, glaubwürdig und zutiefst menschlich. Auch die übrigen Darsteller spielen durchweg authentisch und glaubhaft.
Ich selbst bin Schweizer und stehe Schweizer Filmen oft kritisch gegenüber. Schweizerdeutsch in Filmen oder Musik höre ich normalerweise nicht gerne. Heldin bildet hier eine Ausnahme. Zwar musste ich aufmerksam zuhören, da Deutsch und Schweizerdeutsch gemischt gesprochen werden – Floria spricht Hochdeutsch, während ihr Umfeld Schweizerdeutsch verwendet. Das kann irritieren und kommt in meinem Alltag selten vor. In Spitälern jedoch ist diese Sprachrealität durchaus normal und trägt hier zur Authentizität bei.
Trotz – oder gerade wegen – seiner schonungslosen Ehrlichkeit hat mir der Film sehr gut gefallen. Er erzählt eine bittere Wahrheit, und das ausgerechnet in einem der reichsten Länder der Welt. Heldin zeigt: Auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt.
Besonders beeindruckend ist die Spitalatmosphäre. Man fühlt sich, als würde man selbst diese Nacht durchleben – durch Stress, Überforderung und stille Verzweiflung. Als Floria am Ende im Bus nach Hause sitzt, war ich keinesfalls erleichtert. Nicht, weil es vorbei ist, sondern weil ich weiß: Sie lebt – wie so viele andere – im Hamsterrad. Morgen und übermorgen wird alles wieder genauso sein.
Genau deshalb ist Heldin so schrecklich berührend.
bewertet am 02.01.26 um 16:31