Was macht man, wenn man einst ein gefeierter Superstar war, der den Titelhelden eines Superhelden-Franchises in 3 Filmen verkörperte, nun aber aus der Mode gekommen und sichtlich gealtert ist?
Im Falle Riggan Thomson (Michael Keaton "Batman") lautet die Antwort: Sich in ein Theater am Broadway einmieten und eine 60 Jahre alte Kurzgeschichte von Raymond Carver für die Bühne adaptieren.
Doch da gibt es so einige Probleme: Thomsons Anti-Haltung gegen neue Medien sorgte dafür, dass er vergessen wurde, höchstens die ältere Generation kennt ihn noch als Birdman, die Kluft zwischen ihm und seiner, frisch aus dem Entzug entlassenen, Tochter Sam (Emma Stone, "The Amazing Spider-Man") lässt sich auch nach Jahren nicht wirklich überwinden, Starschauspieler und Vollblutdiva Mike Shiner (Edward Norton, "American History X") lässt sich nur schwer zügeln, die führende Theaterkritikerin am Broadway hasst Riggan für das was er ist und zu allem Überfluss sitzt ihm sein eigenes (Alter-)Ego ständig im Nacken ...
Zugegeben: Ich wusste, dass ich den Film sehen MUSS als ich einen ersten Trailer gesehen habe, das Problem war, dass der Film zunächst nicht wirklich vom breiten Publikum wahrgenommen wurde, was dazu führte, dass u.a. unser lokales Kino ihn gar nicht ins Programm aufgenommen hat. Dann kamen die Oscars und siehe da: Der Film räumte ab und stand nun im öffentlichen Fokus.
Doch auch hier ergaben sich dann neue Probleme: Ich bin der Meinung, dass "Birdman" einer der Filme ist, die man entweder liebt oder hasst, es gibt nichts dazwischen. Ich rate jedem davon ab, der beim Filmtitel an einen 0815-Superhelden-Action-Brutal o-Blockbuster denkt, sich diesen Film anzusehen, ihr werdet bitter enttäuscht werden, denn Birdman richtet sich nur secondär an euch und das auch nur, um euch euer eigenes Spiegelbild vorzuhalten, ich bin sogar der Meinung, dass ein Großteil der normalen Kinogänger, der Teil, der nur unterhalten werden will, den Film nicht verstehen wird.
Dabei handelt es sich bei "Birdman" tatsächlich um das kreativste, ambitionierteste Werk der letzten Jahre. Das fängt schon beim Audiovisuellen an: Der ganze Film wirkt wie in einem Take gedreht, die Kamera wird nie abgesetzt und folgt, die ganze Zeit begleitet von Drumbeats, den Protagonisten den ganzen Film über und die Darsteller dieser Protagonisten hätten nicht besser gewählt werden können. Sei es Galifianakis, der in seiner ersten (zumindest teilweise) ernsten Rolle brilliert, Stone, das oft abwesend wirkende Sprachrohr der moderne, Norton, der hier gekonnt die Diva gibt, Watts, eine Frau, die nicht weiß ob sie ihren Exmann lieben oder hassen soll oder eben Michael Keaton. Michael Keaton behauptete in einem Interview nichts mit der Figur Riggan Thomson gemeinsam zu haben, was wohl nicht so ganz der Warheit entsprechen dürfte, zeigt sich hier doch eine offensichtliche Parallele: Auch um Keaton war es nach seinen Erfolgen in Burtons "Batman"-Filmen lange Zeit still geworden, so war er die ideale Wahl um die innere wie äußere Zerrissenheit im Streben nach Relevanz darzustellen. Auch wenn der Oscar bei Redmayne gut aufgehoben ist, so hätte ich mir im Nachhinein gewünscht, Keaton hätte ihn bekommen, nicht nur weil er ihn verdient hätte, sondern weil es die wohl größte Rolle seines Lebens war und weil er wohl keine Chance mehr auf einen Goldjungen in dieser Kategorie mehr haben wird.
Ich habe eine Kritik eines Verbrauchers gelesen, der meinte, dass es in den letzten Jahren zum guten, wenn auch falschen, Ton gehören würde, Filmen die anders sind (er nannte in diesem Zuge eben "Birdman" und u.a. "The Artist") bloß aufgrund ihrer Andersartigkeit Filmpreise in den Hauptkategorien zukommen zu lassen. Ich sehe das anders und bin mir des Wortspiels durchaus bewusst: Bei Filmen wie diesen haben die Beteiligten den Mut bewiesen ihre Vision auf die Art umzusetzen, wie sie es für richtig halten, was das gute Recht eines Künstlers ist. Sie gingen das Risiko ein, etwas gegen den Trend zu schaffen, etwas, das, aufgrund seiner Andersartigkeit vielleicht nicht gemocht wird, etwas, das ein finanzielles Desaster sein könnte. Ich bin der Meinung, dass solcher Mut, grade in der heutigen Zeit, zu Recht honoriert gehört.
"Birdman" ist vieles: Ein audiovisuelles Experiment, eine Reflexion der Popkultur, eine Abrechnung mit Kritikern und ein erhobener Mittelfinger in Richtung des heutigen Mainstream-Kinos. Nach Jahren unterstreicht eben dieser Film die Daseinsberechtigung des Mediums auf's Neue und hat das Zeug zum Klassiker, wenn die Menschen nur offen genug für Neues sind.
Bild/Ton: Volle Punktzahl.
Extras: Hier wäre, was die Quantität angeht, mehr gegangen, die Qualität stimmt jedoch: Interessante Einblicke hinter die Kulisse.
bewertet am 16.06.15 um 15:22