Da ist es ja wieder, dieses ärgerliche Review ;)
Ich hatte mich in den Kommentaren zum Film ja bereits geäußert, aus meinem Blog und meinen vielen Beiträgen im Filmthread ist manch einem sicher schon deutlich geworden, dass ich eine recht positive Meinung von dem Film habe ;)
Ich kann der inhaltlichen Bewertung schlicht an keinem Punkt zustimmen. Das mag zum Teil dem subjektiven Geschmack geschuldet sein, das mag zum Teil auch schlicht an verschiedenen Interpretationen liegen...
Es beginnt schon bei dem Vergleich mit Inception, den man sicher anstellen kann, in dessen Ergebnis man aber schlicht feststellen muss, dass Snyder dort weitermacht wo Nolan schon lange aufgehört hat und somit neue Wege beschreitet. Sucker Punch ist eben nicht einfach nur eine 'verdrehte Version von Inception' sondern die konsequente Weiterführung dieses Konzepts. Während Nolan am Ende sämtliche Ebenen fein säuberlich auflöst und damit zum konventionellen Erzählstil zurückkehrt, lässt Snyder seinen Zuschauern Raum für eigene Gedanken. Das kann man sicher als Ideen- und Konzeptlosigkeit des Regisseurs abtun, man kann Zack Snyder aber auch für den Mut loben, als erster Regisseur im Mainstream-Kino den mutigen Schritt hin zu postmodernen Erzählweisen getan zu haben.
Und da sind wir dann bei der vermeintlich 'dünnen Handlung'. Kann ein Film mit dünner Handlung tatsächlich so viele Seiten gehaltvoller Diskussion füllen? Liegt es nicht viel mehr am Betrachter, wie viel inhaltlicher Tiefe er dem Film zugestehen will?
Was die 'naiv-frauenfeindliche Moral' angeht hat der Schlumpfmaster bereits perfekt ausgedrückt, was des Pudels Kern ist. Inhaltlich, wenn auch nicht in so geschliffener Sprache habe ich es seinerzeit im Filmthread auch interpretiert. Genau an dieser Stelle kommen wir doch zur Krux des Films: Snyder hält dem durchschnittlichen Fantasyfan hier einen Spiegel vor. Den wahrzunehmen ist jedoch der individuellen Wahrnehmung des Zuschauers überlassen, damit reden wir also wieder über den postmodernen Erzählmodus der keine verbindliche Wirklichkeit mehr kennt.
Zitat:
Zitat von VincentVinyl;2771286
Ich habe im Kommentarthread schonmal geschrieben, dass ich finde "Sucker Punch" ist genau so wenig reflektiert oder kritisch wie etwa ein Mann der einer Frau sabbernd auf den Hintern haut und das im Nachhinein rechtfertigt: "Ich wollte damit auf die zunehmende sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hinweisen!" Nur weil man selbst zum Klischee wird, reflektiert man es noch nicht, dazu ist schon mehr nötig.
...Und genau an dieser Stelle habe ich mich in der Kommentar-Diskussion ausgeklingt. Einerseits weil dort immer gemeckert wird, wenn inhaltliche Diskussionen aufkommen, andererseits weil ich diesen Vergleich als absolut daneben empfinde. Mal ganz davon abgesehen, dass Kunst Dinge darf, die wir uns im Büro zweifellos nicht erlauben können, greift Snyder seinen Protagonistinnen im Film keineswegs an den Po. Hätte er das tun wollen, hätte er die Tänze in ihrer gesamten Ausführlichkeit dargestellt. Um dieser exploitativen Falle zu entgehen, wendet er den Kunstgriff der Traumwelten an in denen die Frauen Männern nun nicht mehr nur metaphorisch den Arsch aufreissen. Warum sie dabei aussehen wie sie aussehen hat Schlumpfmaster in seinem grandiosen Beitrag erläutert.
Sexismus, oder gar Chauvinimsus? - Nicht in diesem Film. Den hat dort im Übrigen auch meine gendersensible Freundin weder nach dem Kinobesuch, noch nach dem Sehen des Films auf BD ausmachen können. Mich würde an dieser Stelle mal interessieren, wie Du (@Vincent) Filme wie Herr der Ringe bewertest, die in meinen Augen vor Chauvinismus nur so triefen und denen dabei nicht mal eine gute Absicht unterstellt werden, bewertest.
Die Busfahrerszene habe ich für mich im Übrigen so aufgelöst, dass die Flucht tatsächlich auf der realen Ebene gelingt. Dass sich dort nun aber wieder ein Abhängigkeitsverhältnis einstellt ist der EyeOpener der uns sagen soll, dass im echten Leben eben doch (noch) keine echte Gleichberechtigung herrscht. Insofern würde der Film auch nicht mit einem Happy End enden, was seinen kritischen Charakter unterstreicht.
Abschließend: Ich habe das Review eingangs als 'ärgerlich' eingestuft und als das fasse ich es noch immer, nach mehrmaligem Lesen auf, möchte aber auch erklären, weshalb. Man kann über einen Film unterschiedlicher Meinung sein und ich bin weit davon entfernt meine persönliche Interpretation als allein gültige darzustellen. Wie oben gesagt denke ich auch, dass es im Wesen des Films liegt, dass es diese ultimative Interpretation nicht gibt. Es wird hier jedoch mit einem Satz geschlossen, der nicht mehr den Film kritisiert, sondern dessen Zuschauer, die hier schlicht als chauvinistisch und unsensibel für Geschlechterklischees dargestellt werden. Das ist harter Tobak und meines Erachtens nach in einem solchen 'offiziellen' Review nicht tragbar. Ich fühle mich dadurch persönlich angegriffen und das sollte nicht sein.