spiegel.de hat geschrieben:
Wer hat hier den Dachschaden?
Unter der brutal-amüsanten Vergrößerungslinse der französischen
Regisseure Gustave de Kervern und Benôit Delépine erstrahlen in
"Der Tag wird kommen" Flachbauten und ein ungleiches
Geschwisterpaar.
Die Lebensrealitäten von Not und Jean-Pierre könnten
unterschiedlicher kaum sein: Die beiden Brüder prallen in "Der Tag
wird kommen" aufeinander - in der beißenden neuen Komödie des
französischen Regie-Duos Gustave de Kervern und Benôit Delépine.
Schauplatz: Eine aus dem Boden gestampfte Konsumwelt, eine
Monstrosität mit Parkplatzflächen, Möbelhäusern, Supermärkten,
Tankstellen. Und irgendwo mitten im Einheitsbrei schwirren Nots und
Jean-Pierres Eltern herum, die ein dämmriges Lokal unter
Abwesenheit von Gästen betreiben. Es ist eine skurrile
Versuchsanordnung zwischen Anarchie und moderner
Selbstgeißelung.
Denn während der Alt-Punk Not (Benôit Poelvoorde) mit seinem Hund
durch sommerliche Peripherie-Kulissen streunt, ficht der fleißige
Jean-Pierre (Albert Dupontel) im hiesigen Matratzenshop einen
unerbittlichen Kampf gegen die Verkaufsauflagen eines hochmodernen
Kopfkissens. Und scheitert daran, seine angeschepperte Ehe zu
retten. Als Jean-Pierre mehr und mehr gen Abgrund steuert, ist es
ausgerechnet sein Bruder, der ihn von einem radikalen anderen Leben
überzeugt: Aus der Not heraus entdeckt er das magische Wort
Selbstbestimmung.
Kniestoß gegen sozioökonomische Realitäten
Wer die Filme von de Kervern und Delépine ("Louise Hires A Contract
Killer", "Mammuth") kennt, dürfte ahnen, mit welchem Pol dieser
beiden Extreme die Regisseure sympathisieren. Und auch, dass ihr
aktuellster Kniestoß gegen sozioökonomische Realitäten nicht gerade
sanft ausfällt. "Der Tag wird kommen" observiert das betongraue
Randgebiet aus einer süffisanten und bitterbösen Position.
Alltägliche Bewegungen zwischen Kleinwagen, Bratwurststand und
Duschgel im Sparangebot - sie alle werden als kuriose
Lächerlichkeiten enttarnt. Aus den aneinandergereihten Bildern
fragwürdiger Baukunst und aufklappender Kofferräume wächst eine
ernüchternde wie faszinierende Bestandsaufnahme. De Kervern und
Delépine laden dabei zu einem eigenwilligen Voyeurismus ein, denn
in dieser Normalität bewegen sich die Menschen so zielgerichtet und
gleichsam konfus wie Insekten in einem Guckkasten.
Gewinn und Vergnügen bringt dabei zweifelsohne die Tatsache, dass
man sich im Laufe des filmischen Spiegelkabinetts irgendwann nicht
mehr sicher ist, wer in diesem Spannungsfeld eigentlich die größere
Klatsche hat. Not, der seine Nächte in einer monumentalen
Hundehütte verbringt, tagsüber Katz und Maus mit
Überwachungskameras spielt und seinem Bruder eine Lektion im
energiesparenden Schlendern verpasst? Oder doch Jean-Pierre, der am
Ende seiner ganzheitlichen Talfahrt den Weg zum nächsten Zapfhahn
sucht, um sich heulend mit Brennstoff zu übergießen?
Ein Humor, schwarz und gallig, der beiläufig das ganze Dilemma
eines mürbe machenden Hamsterrads sichtbar macht. Und auf angenehm
unverkopfte Weise ganz ohne Moralkeule, Welterklärerei und
Pseudo-Erkenntnisse auskommt.
Der Tag wird kommen. Start: 2.5. Regie: Gustave de Kervern und
Benôit Delépine. Mit Benôit Poelvoorde, Albert Dupontel.
Trailer:
https://www.youtube.com/watch?v=-voQvABasIU
Schaut ja mal richtig lustig aus :cool: