War nen Blindkauf letztens, als ich durch den Media Markt
schlenderte. Habe die Scheibe gekauft, weils die für irgendwas um 8
Euro gab und ich nach Total Recall und Kill the Boss auf einen
weiteren Colin Farrell Film Lust hatte. Erwartet hatte ich gemäß
Cover und Schauspielern irgendeine seichte Thriller-Action-Klamotte
ohne Tiefgang und mit Schmuse-Ende. Bekommen habe ich dann aber
doch was GANZ anderes.
Die Story ist im Grunde recht einfach und basiert auf einem
britischen, gleichnamigen Roman von Ken Bruen: Mitch, gespielt von
Colin Farrell, ist eigentlich ein heller Kopf, besonnen und
empathisch, gelangt während seiner Jugend jedoch auf kriminelle
Abwege und landet schließlich im Knast. Nach drei Jahren kommt er
raus und will mit seinem alten Leben abschließen, vernünftig sein.
Er trifft auf die depressive, öffentlichkeitsscheue Schauspielerin
Charlotte (Keira Knightley), die von Papparazi verfolgt wird. Auch
sie möchte mit diesem Leben abschließen, beide kommen zueinander -
und können ihrer Vergangenheit doch nicht entfliehen.
Soweit, so trivial könnte man den Film zusammenfassen. Was mich
fasziniert hat an dem Film, und weshalb ich ihn auch gerne einigen
von euch ans Herz legen möchte, bei Gelegenheit mal anzuschauen,
ist die totale Abwendung vom derzeitigen Filmstil: hier gibts keine
Hektik, keine rasanten Schnitte, Surround-Bombast, ja, nicht einmal
Helden. In diesem bisweilen sehr langsamen, aber zu jeder Minute
für den Zuschauer absolut ungemütlichen, bisweilen dreckigen
kleinen Film ist "Verachtung" allgegenwärtig - sei es auf die
derzeitige Hollywood-Kultur bezogen, auf pedantische Erzähllogik
oder auf die Charaktere. Gewohntes sucht man hier vergebens. Und
wenn man als Zuschauer meint, sich eingefunden zu haben, wird man
relativ schnell wieder eines Besseren belehrt.
"London Boulevard" ist der erste Film vom eigentlich aus dem
Drehbuch-Sektor entstammenden William Monahan, der für Martin
Scorsese "The Departed" und für Ridley Scott "Königreich der
Himmel" geschrieben hat. Mit der Erfahrung an Bord hätte sein
Erstling ein Kracher werden können. Leider wurde er es nicht: mit
nicht mal 5 Millionen Dollar weltweiten Kinoeinnahmen kann man
ruhigen Gewissens von einem kapitalen Flop reden. Das "Warum" habe
ich im Absatz zuvor erklärt: der Film ist anders. Das "anders"
könnte noch ein Verkaufsargument sein, wenn nicht - sehr zu meiner
Überraschung, wie ich gestehen muss - gerade das Drehbuch, das
Brot-und-Butter-Werkzeug Monahans, bisweilen durch Vorhersehbarkeit
glänzt. Verdient hat der Film diesen Flop als Gesamtwerk aber
keinesfalls! Insbesondere in Anbetracht der hervorragend gecasteten
Schauspieler, die ganz im Stil und Sinne von "London Boulevard"
abolut anders spielen: krude, schmutzig, ständig mit einem Fuß im
nächsten Affront - und zu jeder Minute brilliant.
Da wären natürlich allen voran die Zugpferde Farrell und Knightley:
ich hätte es ja Collin Farrell nicht zugetraut, aber hinter dem
ewig gleich wirkenden Dackelblick steckt tatsächlich ein
Schauspieler - natürlich kann er den Blick hier ebenfalls nicht
gänzlich verstecken. Dennoch schafft er es mit einem
schauspielerischen Drahtseil-Akt, die Figur des Mitch mit ihrer
außergewöhnlichen "vom-Lamm-zum-Killer-in-0,5-Sekunden"-Psychose
glaubhaft darzustellen, immer von den Umständen getrieben, immer
nachvollziehbar. Keira Knightley sieht man ebenfalls mal als
Gegenstück zu sich selbst, als schüchternes, graues Entlein vor dem
Hochglanz-Plakat wie die Welt sie sieht oder sehen möchte.
Schauspielerisch an der Stelle eher blass, aber durchaus nicht
uninteressant.
Sehr sehenswert indes machen diesen Film die Figuren um die beiden
herum. Da wäre
Ray Winstone, bekannt aus
zuletzt "Snow White" oder "Percy Jackson", der den zwischen
Brutalität, Style und Perversion aufgehängten Gangster-Boss Gant
mit einer Präsenz und Süffisanz spielt, daß er auch anwesend ist
während er gerade keine Screentime hat.
Weiterhin überragend:
David Thewlis, insbesondere
bekannt aus den Harry Potter Verfilmungen, der den hinter jeder
Realität zurückgebliebenen, drogen- und alkoholabhängigen Manager
von Charlotte spielt, der mit seiner Exzentrik bisweilen die träge
Melodramatik des Films gekonnt - und sicherlich gewollt - aus den
Angeln reißt.
Eddie Marsan, am ehesten
bekannt als Sherlock Holmes Inspector Lestrade, spielt ebenfalls
gekonnt und mit sichtlichem Spaß einen korrupten Inspector, bekommt
aber am Ende leider viel zu wenig Screentime. Und auch der bei den
meisten Zuschauern wahrscheinlich eher unbekannte
Ben Chaplin verkörpert die
Rolle des Kleinganoven Billy zu jederzeit hingebungsvoll.
Was bleibt am Ende als Fazit? Es hätte mehr werden können,
vielleicht sogar ein Kracher - vielleicht sollte es das aber gar
nicht werden. Allein der Vorspann im Stile der 60er Jahre verrät
schon die Gangart des Films, die Monahan geradezu stoisch
durchzieht. Den zynischen Ton gibt dabei der Yardbirds-Klassiker
„Heart Full of Soul" an, den „London Boulevard" über die folgenden
103 Minuten beibehält. Keine Muss-man-gesehen-haben-Empfehlung.
Aber für alle, die die Nase voll von Hollywood-Discount-Actionware
haben und nicht alle fünf Minuten einen Schenkelklopfer benötigen
sicherlich interessante anderthalb Stunden, die nicht sofort
vergessen werden.
4/10
[edit]Mist, kann mal jemand ein "l" bei
Farrel
l im Topic ergänzen? :D
Als wir das Feuer
erfunden haben, haben die Menschen damit auch eine Weile Mist
gebaut. Aber irgendwann haben wir den Feuerlöscher erfunden
(Stephen Hawking 2015)
„Erst kommt der Ruin
der Staatshaushalte durch die Politik, dann kommen die
Erfüllungsgehilfen in den Zentralbanken, und am Ende steht das
Ende der bürgerlichen Freiheiten.“
(Roland Tichy, Vorsitzender der
Ludwig-Erhard-Stiftung)