Zitat:
Zitat von TheExorzist;5987207
Ähm... der Film folgt nicht nur nicht den normalen Konventionen eines Kriegsfilms, er folgt nicht den normalen Konventionen eines
Films.
Dann hast du eine sehr engstirnige Sicht auf das Medium Film, die so auch nicht richtig ist. Eine geradlinige Narration mit Charaktereiführung und -entwicklung ist nur eine Form der Erzählung, sie hat aber nicht den Anspruch die einzig richtige zu sein. Vielmehr ist sie die vorherrschende Form im Mainstreamkino und Unterhaltungsbereich. Ich hab ja bereits in meiner Kritik gesagt, dass Nolan hier glücklicherweise die Freiheiten hatte auf viele kommerzielle Konventionen zu pfeifen um sein Konzept umsetzen zu können. Und das Konzept geht in meinen Augen voll auf. Nehmen wir mal ein paar andere Antikriegsfilm-Klassiker:
Apocalypse Now versuchte den Wahnsinn den Krieges darzustellen, wie alle Figuren langsam in die Manie abdriften, weil die menschliche Psyche diesen Dauerzustand von Gewalt und Gefahr nicht unendlich ertragen kann.
Platoon hatte den moralischen Verfall als zentrales Thema, wie Soldaten aufgrund von fehlender Gerichtsbarkeit langsam ihren untersten Triebe und dunklen Seite ausleben.
Paths of Glory behandelt das sinnlose Verheizen von Menschenleben zur eigenen Ruhmessteigerung,
Full Metal Jacket die Divergenz zwischen der Wahrnehmung in der Heimat und der Realität vor Ort,
Come and See
die Auswirkungen auf den Entwicklungsprozess von Kindersoldaten. Alle Filmemacher dieser Klassiker verfolgten ein Konzept mit Aussageabsicht, warum Krieg ein menschenunwürdiger Zustand ist.
Nolans alleinige Intention ist es die Angst und Paranoia von Krieg greifbar zu machen, mehr nicht. Und in diesem Punkt brilliert
Dunkirk: Die Sicht ist allein auf den POV der Alliierten beschränkt, das Gefühl dem Feind ausgeliefert zu sein, weil man nicht wann & wo er als nächstes zuschlagen wird, überträgt sich so am stärksten. Wieso sollte Nolan hier eine klassische Erzählstruktur wählen, wenn es ihm gar nicht um eine faktengenaue Schilderung der Ereignisse geht? Das ist nicht Teil des Konzepts. Wie genau das abgelaufen ist, kann man vermutlich heute eh nicht mehr sagen. Nolan schaffte es aber den Gemütszustand der Briten in dieser Woche nachvollziehbar umzusetzen, und das mehr als authentisch. Hälst Du
Saving Private Ryan,
Hacksaw Ridge oder
Black Hawk Down für realistisch, wo jeder zweite Charakter einem Hollywwod-Klische entspringt? In
Dunkirk haben die Jungs Angst und handeln dementsprechend so (was nicht immer sympathisch wirkt, dafür aber realistisch anmutet). Sie sind bereits vom Krieg gezeichnet, da sie seit Tagen & Wochen große Verluste hinnehmen mussten, weshalb sie ja überhaupt an den Stand zurückgedrängt wurden. Da ist es auch nachvolziehbar, dass sie nicht jeden weiteren gefallen Kameraden betrauern, das haben sie schon die letzten Wochen tun müssen und irgendwann schottet sich die Psyche ab. Ich fand es verdammt beängstigend wie die Soldaten teilweise wie Zombies in Richtung Evakuierungspunkt marschieren. Sie wollen einfach nur weg und sind froh darüber, dass der letzte Bombenhagel nicht sie erwischt hat. Auch die kurzen Jubelchöre wenn einem Verletzter über eine kurze Barre geholfen werden könnte oder Tom Hardy den gegnerischen Stukas einheizt, zeigen wie sehr sich die Soldaten noch Glücksmomenten sehnen. Sie hatten halt kaum Erfolge in letzter Zeit zu verbuchen und da freut man sich irgendwann auch über die kleinen Siege. Nolan bringt diese Gefühle eher beiläufig rüber, lässt diese Momente den Zuschauer selber dekodieren. Solche Beispiele von "Show, don' tell" finden sich zuhauf in
Dunkirk, man muss nur gewillt sein, sie zu finden.
Die Anonymität wird auch eine bewusste Regieentscheidung gewesen sein, schließlich fühlten sich die Soldaten vermutlich damals auch so. Keiner will neue Bekanntschaften schließen, was von sich preisgeben, weil der Tod allgegenwärtig ist und Freundschaften nicht lange halten. "Everyone fights his own batte" als cineastischer Subtext sozusagen. Man wird einfach mit ins kalte Wasser geworfen und ist live dabei. Das hat fast schon was Dokumentarisches, trägt sehr zu Authentizität bei.
Im Original kommt noch hinzu, dass die Dialoge teilweise sehr schwer verständlich sind, weil laute Geräusche im Hintergrund alles überwuchern (Nolan liebt das, hat er schon bei
TDKR und
Interstellar gemacht). Diese Art der Soundabmischung ist für Blockbusterkino zwar sehr selten, ist aber realistischer, weil im Getöse man manchmal sein eigenes Wort nicht versteht. Und tatsächlich sind viele Dialoge auch überflüssig, weil der Film hauptsächlich über die Bilder kommuniziert. Das Storytelling wird auf ein Minimum beschränkt, weil die Atmosphäre der Star ist.
Ich sehe
Dunkirk eher als eine Erfahrung an. Am Nähesten wie man das Gefühl Krieg vermittelt bekommen kann, ohne selber daranteil genommen zu haben. Die Immersion sucht ihres Gleichen und kommt dabei komplett ohne Gimmicks wie 3D aus. Dass dem nicht der gleiche Krammbumm-Spaßfakor eines klassischen Blockbusters innewohnt, ist nun mal Teil der Sache.
Die Erzählstruktur mit den 3 Perspektiven, die aber alle einen anderen Zeitraum abdecken, ist zudem auch auch eine nette Idee, die in Kombination mit der handwerklichen Meisterlichkeit schon allein mehr als eine Wertung von 2/10 rechtfertigen. Vielleicht hätte Blut diese Erfahrung noch intensiver gemacht, aber dann hätte Nolan auch deutlich weniger Budget gehabt und in IMAX mit dieser Scale zu drehen ist nun mal kein kostengünstiges Unterfangen. Vielmehr finde ich es beeindruckend wie gut er ohne Splatter und grafische Gewalt auskommt und trotzdem so hervorragend funktioniert. Auf jeden Fall bin ich glücklich, dass sie sich so entschieden haben. Ein Kollege meinte direkt nach dem Kinobesuch, dass er jetzt erstmal
Saving Private Ryan gucken muss, um wieder runterzukommen. Auch wenn das natürlich etwas überspitzt formuliert war, so empfand ich die Aussage auch als sehr treffend. Diesen Film durchlebt man, dafür werden gewisse Standards vernachlässigt um die höchstmögliche Wirkung zu erzeugen.