Aftersun 9/10 (BD)
Sophie (Celia Rowlson-Hall) blickt auf einen Urlaub zurück, den sie
zwanzig Jahre zuvor mit ihrem Vater (Paul Mescal) verbracht hat.
Dabei versucht sie, die ihr bislang unbekannten Seiten seines
Wesens zu verstehen, während sie zugleich in den warmen
Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit schwelgt.
Aftersun ist ein sehr spezieller Film, den ich erst einmal ein paar
Tage sacken lassen musste, weil er bei mir emotional ziemlich
eingeschlagen hat. Grosse Teile des Films bestehen aus dem
gemeinsamen Urlaub zwischen Vater und Tochter und man könnte
schnell behaupten, dass eigentlich nicht viel passiert, was ein
Stück weit auch der Wahrheit entspricht. Irgendwann merkt man
jedoch, dass mit dem Vater etwas nicht stimmt und zugleich wird
deutlich, dass sich Sophie im Erwachsenenalter mit diesen
Erinnerungen auseinandersetzt, die dabei spürbar lückenhaft und
fragmentiert bleiben, etwas, dass vermutlich viele von uns kennen,
wenn wir versuchen, unsere eigene Kindheit zu rekonstruieren.
Gerade obwohl oberflächlich betrachtet nicht viel passiert, muss
man sehr aufmerksam zusehen, denn nur so lassen sich die vielen
feinen Zwischentöne erfassen und zwischen den Zeilen erkennen, was
tatsächlich mit dem Vater los ist. Anfangs wirkt er noch sehr
liebevoll und bemüht, doch nach und nach bricht seine Fassade immer
stärker auf, bis man schliesslich die tiefe Depression spürt, unter
der er leidet. Besonders beeindruckend ist dabei die Leistung von
Paul Mescal, dem es hervorragend gelingt, diese innere
Zerrissenheit und emotionale Distanz mit grosser Zurückhaltung,
aber enormer Wirkung zu transportieren. Gleichzeitig spielt auch
Frankie Corio die Tochter äusserst glaubwürdig und natürlich,
wodurch die Beziehung zwischen den beiden jederzeit authentisch
wirkt und emotional trägt. Einige Szenen haben mich dabei wirklich
stark getroffen und gleichzeitig traurig, nachdenklich und auch ein
Stück weit wütend gemacht. Die ruhige Inszenierung von Charlotte
Wells unterstützt diese melancholische Atmosphäre zusätzlich und
verleiht dem Film eine sehr intime und persönliche Wirkung. Das
Ende bleibt zwar bewusst offen, doch die vielen Andeutungen waren
für mich deutlich genug, um meine eigene Antwort zu finden und den
Film auch nach dem Abspann weiter im Kopf zu behalten. Ich kann mir
gut vorstellen, dass dieser Film für manche zu ruhig oder
unspektakulär erscheinen könnte, doch wer offen für ein leises,
melancholisches Drama ist, bekommt hier ein sehr besonderes
Filmerlebnis zu sehen, dass weit abseits des Mainstreams
funktioniert und nachhaltig berühren kann.