Zitat:
Zitat von "Vincent_vega84"
Da ich das zugrunde liegende Buch von Stephen King nicht gelesen habe, bewerte ich The Long Walk ausschliesslich als eigenständigen Film. Das zentrale Konzept sowie die gesamte Inszenierung haben mir dabei von Beginn an sehr gut gefallen. Regisseur Francis Lawrence gelingt ein brutaler, aber zugleich nachdenklich stimmender Film, der immer wieder mit starken und eindrucksvollen Bildern überzeugt. Technisch gibt es für mich kaum etwas zu bemängeln, da aus einer sehr simplen Grundidee erstaunlich viel herausgeholt wurde. Dennoch hätte das Ganze insgesamt etwas straffer und knackiger erzählt sein dürfen. Die Hauptcharaktere funktionieren überzeugend, wobei vor allem Cooper Hoffman und David Jonsson mit starken schauspielerischen Leistungen herausstechen. Mark Hamill als Major empfand ich stellenweise als etwas zu überzeichnet, auch wenn seine vergleichsweise geringe Screentime dies etwas abmildert. Die simple Story könnte für manche Zuschauer zu eintönig sein, mich hat sie jedoch überraschend gut abgeholt. Besonders die Dialoge zwischen den Figuren fand ich interessant und stellenweise auch emotional berührend. Dem gegenüber stehen sehr explizite Tötungsszenen, bei denen der Film keinerlei Zurückhaltung zeigt und den Zuschauer immer wieder schockiert. Für die ganz grosse Begeisterung hat es am Ende jedoch nicht gereicht. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die dargestellte Welt für mich nicht wirklich greifbar und nachvollziehbar bleibt. Zwar wird behauptet, dass es der Welt extrem schlecht gehe, dies wird jedoch weder ausreichend gezeigt noch erklärt. Auch das erklärte Ziel des Marsches, die Produktivität der Bevölkerung zu steigern, bleibt für mich eine unbelegte Behauptung. Trotz meiner Unzufriedenheit mit dem Ende, dass mich eher ratlos und emotional unbefriedigt zurückgelassen hat und den zuvor sorgfältig aufgebauten Spannungsbogen für mich nicht ganz konsequent zu Ende führt, halte ich The Long Walk insgesamt dennoch für sehenswert, da der Film sich angenehm von gängigen Genrevertretern abhebt und zum Nachdenken angeregt hat.
7/10
Ich zitiere einfach mal die Rezension von
@Vincent_vega84 komplett, weil die wie üblich sehr treffend ist, kann alles bestätigen was er schreibt und vielleicht noch ein bisschen was ergänzen, weil ich nach der Sichtung des Films mein dreißig Jahre altes Taschenbuch rausgesucht und den Roman nochmal gelesen habe. Der ist übrigens von 1979 und wurde häufig als Allegorie für den Vietnamkrieg gedeutet, was ich gut nachvollziehen kann, es ist aber darüber hinaus auch eine Kritik an der Gesellschaft, die wieder aktuell ist.
Im Buch erfährt man über die Hintergründe des namensgebenden Todesmarsches noch weniger als im Film, auch der Major wird kaum charakterisiert und seine Position oder Stellung nicht beleuchtet. Daher wirkt er nicht nur überzeichnet, er ist es. Insgesamt ist der Film sehr werkgetreu und übernimmt viele Passagen wortwörtlich. Es wird sinnvoll gestrafft, manche Charaktere verschmelzen im Film zu einem, weil im Buch hundert Jungs marschieren, im Film nur die Hälfte. Was absolut positiv ist, weil es so oder so redundant ist. Die Gewaltdarstellungen sind explizite grafische Umsetzungen der Vorlage, es ist als Film mindestens so drastisch wie die Vorlage. Jedenfalls im Vergleich zu meinem Roman, andere hatten offensichtlich andere Versionen. Was im Film wegeblendet wird findet auch im Buch nur peripher statt, der Grundton wird ziemlich auf den Punkt getroffen.
Es geht aber nicht um die Gewalt, die dient in erster Linie dazu die Absurdität dieser Veranstaltung und der ganzen Welt zu zeigen. Der Roman beschreibt auf einem großen Teil der Seiten Gedanken und Gefühle der Jungs, es geht um Selbstfindung und Solidarität, um Motivation und innere und äußere Qualen und das bringen die Schauspieler wirklich gut rüber durch Mlmik und Körpersprache. Der Rest muss über die Gespräche vermittelt werden. Die Beziehungen und Konversationen innerhalb der Gruppe sind der Kern dieser Geschichte, die Gewalt lediglich Teil des diffusen Rahmens. Weder Film noch Buch lassen sich darauf reduzieren, es ist meiner Meinung nach in erster Linie ein Drama und eine Metapher.
Was mir gefehlt hat ist das Publikum, welches den Marsch im Roman in ein riesiges, abscheuliches Spektakel verwandelt, welches an Gladiatorenkämpfe erinnert. Das beantwortet nämlich die Frage welchen Zweck dieser Marsch für das Volk hat, in einer ansonsten trostlosen Dystopie ist es das gesellschaftliche Ereignis überhaupt. Gleichzeitig beschreibt es eine verrohte Welt, die zum Film noch besser gepasst hätte als zum Buch. Es ist in der Logik des Films auch ziemlich merkwürdig, dass genau am Endpunkt der Tortur dann doch die Zuschauer stehen, die hatten wohl ein gutes Gespür.
Ansonsten ist es eine richtig gute Literaturadaption geworden, die das Buch sinnvoll stafft und es zugänglicher macht. Die Verfilmung macht aus dem 47 Jahre alten Roman eine brandaktuelle Warnung vor Diktatur und Faschismus, ich kann gut verstehen dass Stephen King das Drehbuch abgesegnet hat.
Der Spannungsaufbau ist im Film gelungen, das Finale finde ich sogar stärker. Der Roman verzichtet fast darauf, das Ende ist abrupt und beantwortet fast keine Fragen, es wirkt nicht wie ein Ende, was unbefriedigend ist - allerdings denke ich, dass es Absicht ist, weil es selten eine befriedigende Erklärung für Wahnsinn gibt. Der Film löst es ein bisschen eleganter auf, egal welches Ende man bevorzugt - es gibt nämlich zwei Versionen.
Wer keinen langen Marsch einer Gruppe junger Mönner sehen möchte sollte auf den Film mit dem Titel "The Long Walk" verzichten. Ansonsten handelt es sich um eine gelungene Romanverfilmung (was auch die erwähnten allgemein positiven Bewertungen nahelegen) die offenbar durchaus anspruchsvoll und nicht so leicht zu verstehen ist. Wer sich davon und einigen drastischen Szenen nicht abschrecken lässt kann einen Blick riskieren 7,5/10