Ich hatte gerade etwas Langeweile und habe 1-2 Gedanken zu den Oscars runtergeschrieben. Die fettgedruckten sind dabei meine Tipps, auch wenn ich manchmal anderen die Daumen drücke.
Film
Die bedeutendste Kategorie ist ein Zweikampf zwischen
La La Land und
Moonlight. Aufgrund der zahlreichen Nominierungen ist der Vorteil
La La Lands aber nicht zu übersehen. Die Academy liebt den Film und möchte ihn möglichst oft gewinnen sehen.
Manchester by the Sea begegnet den beiden zwar auf Augenhöhe, hat aber nicht die Lobby hinter sich um sich noch reelle Chancen ausrechnen zu können. Mir persönlich fällt es schwer da eine Favoriten zu wählen, alle 3 zählen zu meinen Lieblingen des Jahres. Am Ende wird es aber
La La Land machen. Der Film feiert die darstellende Kunst und das sieht die Academy immer besonders gerne (siehe
The Artist). Zudem ist er komplexer als auf den ersten Blick ersichtlich und wahrt dennoch eine gewisse Massentauglichkeit, was bei den Oscars auch nicht unbedeutend ist.
Moonlights einzige Chance wäre, wenn viele Stimmberechtigten sich von dem LLL-Hype genervt zeigen und mit einer Stimme für
Moonlight rebellieren.
Hell or High Water wäre meine Nummer 4. Ein intelligenter Neo-Western, der angeblich auch bei der Academy große Anerkennung genießt. Die Nominierung des Drehbuchs unterstreicht dies auch.
Arrival wurde lediglich nominiert um zu demonstrieren, dass man durchaus gewillt ist Sci-Fi eine Chance zu geben. Mehr als eine Respektsbekundung für Villeneuve ist das aber nicht.
Lion ist solider Oscarbait, der aber zu „by the book“ ist, sodass selbst die Academy ihm nicht mehr als eine Nominierung geben wird.
Fences bezieht seine Stärke allein aus dem Schauspiel und seiner Vorlage, doch ist er nicht besonders genug. Warum
Hacksaw Ridge so viel Liebe und Anerkennung bekommt, kann ich immer nicht nachvollziehen. Innerhalb der Kritiker und Academy ist der Film auch nicht unumstritten, sodass es am Ende nur bei einer Nominierung bleiben wird.
Hidden Figures habe ich noch nicht gesehen, aber es scheint dass der Film sich aufgrund der „Oscars So White“-Debatte vom letzten Jahr eine Nominierung erschlichen hat. Kritiken sind aber nicht gut genug um hier mitmischen zu können.
Regie
Normalerweise würde ich sicher sagen, dass Damien Chazelle alleiniger Favorit ist. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass viele Academy-Mitglieder
Moonlight möglichst viele Preise stehlen sehen wollen. Da
La La Land beim Hauptpreis bereits als sicher gilt, wäre dann die beste Regie der denkbar angemessenste Preis um
Barry Jenkins‘ Arbeit zu würdigen. Ich tippe hier mal auf eine kleine Überraschung. Lonergans ruhiger Inszenierungsstil und seine kompromisslose Ausrichtung auf Charaktere haben mir sehr gut gefallen, doch ist sein Stil zu unaufgeregt um hier Chancen zu haben.
Original-Drehbuch
Wie immer sind die Drehbuchkategorien eng bei einander. Die Favoriten sind mMn aber
Hell or High Water und
Manchester by the Sea. Da Lonergan in den oberen Kategorien chancenlos ist, wird er hoffentlich hier die Anerkennung bekommen.
La La Land's Script ist nicht schlecht, aber es ist nicht die Stärke des Films. In den Händen eines anderen Regisseurs hätte da auch ein ganz anderer Film draus werden können. Die Nominierung von
The Lobster hat mich sehr gefreut und wäre vielleicht sogar mein persönlicher Liebling. Dennoch ist die Geschichte zu abgedreht und sonderbar, als das sie in Betracht kommen würde.
20th Century Women habe ich nicht gesehen, freue mich aber schon sehr drauf.
Adaptiertes Drehbuch
Hier kann der Sieger nur
Moonlight heißen. Zu stark ist das Script, zu hoch die Gefahr, dass er bei Film & Regie leer ausgeht. Um zu verhindern, dass der Film nicht genügend Anerkennung findet wird er die Kategorie sicher gewinnen.
Hauptdarsteller
Objektiv gesehen ist es ein Zweikampf zwischen Affleck und Washington. Washington hat aber bereits eine Auszeichnung und das ist immer ein Nachteil. Um den zweiten Schauspiel-Oscar zu rechtfertigen muss man schon eindeutig der Beste gewesen sein und da war
Casey Affleck zu stark. Affleck bekam durch das Script nicht viel Hilfe sich auszuzeichnen (z.B. in Form von Gefühlsausbrüchen), musste viel mit nuancierter Mimik und Körpersprache ausgleichen. Die Gefahr sich hier einen Fehltritt zu leisten war sehr groß und wurde von ihm fehlerfrei gemeistert. Eine wahrlich bemerkenswerte Leistung, die am Ende gewürdigt wird. Die damaligen Belästigungsvorwürfe haben nicht genug Staub aufgewirbelt, als das ihm daraus ein Strick gedreht wird. Sein Standing ist seit dem nahezu ungebrochen. Mortensen ist zwar unter allen Nominierten der mit den geringsten Chancen, wäre aber meine persönliche Nummer 3. Bei Gosling wäre nur unter Berücksichtigung der Vorbereitung eine Auszeichnung ansatzweise gerechtfertigt (Singen, Tanzen und Klavier lernen), Garfields Schauspiel fand ich nicht mehr als okay.
Hauptdarstellerin
Hier darf es nur
Isabelle Huppert werden. Sie hatte ein fantastisches Jahr und sowohl ihre Performance in
Elle und
L’Avenir sind der Wahnsinn (ein zweiter Film hilft gerne bei unentschlossenen Wählern aus). Ihr Nachteil ist nur, dass es ein fremdsprachiger Film ist und die Academy nicht immer diese Filme gesehen hat. Ansonsten war Portman am stärksten, welche aber denselben Nachteil wie Washington hat. Ruth Negga war gut, aber sie hat den Platz hauptsächlich aufgrund der Rassismus-Debatte von Amy Adams geklaut (ihr Filmpartner Joel Edgerton war ebenbürtig, hatte aber den Nachteil dass er weiß ist). Emma Stone ist wohl Favorit. Ich mochte ihre Performance auch, aber sie begegnete damit Huppert nicht ansatzweise auf Augenhöhe.
Nebendarsteller
Diese Kategorie ist im direkten Vergleich weniger stark. Am Ende wird es aber
Mahershala Ali machen. Er hat aus seiner begrenzten Screentime das Maximum rausgeholt. Jeff Bridges hat nur eine Variante seiner Paraderolle gespielt, Lucas Hedges ist eine kleine Überraschung, Dev Patel und Michael Shannon nicht mehr als solide (hier hätte ich lieber Aaron Taylor-Johnson gesehen). War auch ein wenig enttäuscht, dass Ralph Fiennes aus
A Bigger Splash nicht nominiert wurde, aber humorvolle Rollen haben es immer schon schwer gehabt.
Nebendarstellerin
Für mich die eindeutigste Kategorie der ganzen Verleihung: Alles andere außer
Viola Davis wäre eine riesen Überraschung. Sie hatte die beste Performance, ist bereits 2 mal leer ausgegangen, hat die Last einer Hauptdarstellerin getragen und ist schwarz. Ja, ich glaube dass die Hautfarbe dieses Jahr eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielt. Unterm Strich muss es sie einfach werden, einzig Naomie Harris konnte da noch mithalten. Williams hatte lediglich eine Szene, womit sie ihre Nominierung rechtfertigt, Kidman ist nicht mehr als gut und Spencer ist Teil eines Ensemble-Films. Lustiger weise saß beim Oscar-Roundtable vom Hollywood Reporter noch ihre Partnerin Taraji P. Henson als „Vertreterin“ von
Hidden Figures am Tisch.
Animationsfilm
Wenn sich die Academy nicht blamieren will, dann kann es nur
Kubo & the Two Strings werden. Auch wenn
La Tortue Rouge sehr gut ist, war Kubo einfach in nahezu jeder Beziehung stärker als die Konkurrenz. Technik, Optik, Geschichte, Tiefgang und Figuren demonstrieren Studio Laikas Anspruch das rechtmäßige Erbe von Studio Ghibli anzutreten.
Mein Leben als Zucchini habe ich aber noch nicht gesehen. Der Film ist aber nicht erfolgreich genug gewesen um sich eine ähnliche Lobby aufzubauen. Deshalb ist selbst
Moana nicht ganz ausgeschlossen, dessen Auszeichnung aber eine einzige Farce wäre.
Kamera
La La Land. Aus. Ende. Hätte vor der Sichtung noch
Arrival die Daumen gedrückt. Gerade wie die Stimmung und Distanziertheit mit den kalten Farben eingefangen wurden, hat den Großteil der Atmosphäre ausgemacht. Aber
La La Land lieferte hier mehr ab: Die Dynamik und Stimmung der Choreos werden stets perfekt eingefangen, die Farben kreieren den Look vergangener Filme und dann sind da noch die Plansequenzen, die jedem D.o.P. echte Kopfschmerzen bereiten.
Kostümdesign
Wie immer schwierig, aber ich würde da persönlich auf
Jackie tippen. Geschichtlich akkurat und sehr wertig.
Filmschnitt
La La Land,
Arrival als Runner-Up.
Sound-Editing
Arrival als mein Favorit,
Rogue One als Runner-Up.
Sound-Mixing
Hacksaw Ridge. Kriegsfilme haben da immer einen thematischen Vorteil.
Visuelle Effekte
Rogue One hat sich durch die Wiederauferstehung von Tarkin und Leia ja selbst ins Abseits befördert. Auch wenn man das selber nicht moralisch fragwürdig hält, war das ein riesen Thema in Hollywood. Wenn man sich vor Augen führt, dass die Kategorie „best achievement in visual effects“ heißt kann es nur einen Sieger geben und der heißt
The Jungle Book. Hier wurde in den Bereichen Umgebung & Hintergründe, Beleuchtung, Gesichtsanimationen, Haut-, Fell- und Wasserdarstellung ein neues Niveau erreicht. Man darf nicht vergessen, dass der gesamte Film vor Greenscreen entstanden ist. Das einzige Uncanny Valley bestand hier noch in den sprechenden Tieren, dafür kann aber das Technical Department nix.
Fremdsprachiger Film
Daumen drücken für
Toni Erdmann. Endlich haben wir wieder einen Film, der auch international zu den besten zählt, was das Kinojahr 2016 zu bieten hatte. Die Kritiker lieben ihn, bei vielen andern Preisverleihungen konnte er bereits absahnen und hoffentlich ziehen da auch die Oscars mit. Der einzige Spielverderber könnte hier Trump werden. Durch den temporären Einreisestopp von Iranern in die USA hat Asghar Farhadi bereits seine Teilnahme an der Verleihung abgesagt und die Academy könnte genau deshalb ein Zeichen setzen wollen. Es wäre halt ein entscheidender Moment für die Academy Farbe zu bekennen, wenn der Titelträger aus politischen Gründen nicht in der Lage ist seinen Preis entgegen zu nehmen. Schade wäre es nur für Maren Ade.
Dokumentarfilm
Ich habe leider bisher nur
13th gesehen, aber anscheinend sollen
O.J.: Made in America und
I Am Not Your Negro noch eine Spur besser sein. Aufgrund der Aktualität würde ich da letzteren zum Favoriten erklären.
O.J. ist außerdem zu lang und mehr eine Serie. Den werden weniger gesehen haben.
Filmmusik
Fand ich dieses Jahr auch verhältnismäßig schwach, am ehesten würde ich es aber noch
Jackie gönnen. Der Soundtrack war für einen biographischen Stoff erfrischend anders.
Moonlight war auch recht stark da zurückhaltend, gerade wenn der Abspann einsetzt traf die Musik genau ins Schwarze.
Lion hatte zu viel dick aufgetragenen Piano-Kitsch (von Sia’s
Never Give Up ganz zu schweigen) und
Passengers hatte nicht mehr als ein paar gute Momente zu bieten. Am Ende wird es aber eh
La La Land werden. Ich finde zwar, dass die Musik losgelöst vom Film nicht gleich gut funktioniert, aber die werden den großen Favoriten nicht in seiner Paradedisziplin leer ausgehen lassen.
Song
City of Stars (siehe Filmmusik). Ein Musical zum besten Film machen und dann das Titelthema nicht auszeichnen wäre zu absurd (mMn aber nicht wirklich).
Make-Up und Hairstyling
Die überflüssigste Kategorie ist wie immer schwer zu tippen, die Chancen sind gleichmäßig verteilt. Ich mochte zwar
Ein Mann namens Ove nicht, aber der Älterungseffekt war gut umgesetzt.