Zeit zu leben, Zeit zu sterben (OT: A Time to Love and a Time to Die) von Douglas Sirk (Detlef Sierck bevor er in die USA auswanderte) ist meiner Ansicht nach eines der besten Antikriegsdramen aller Zeiten und der persönlichste Film des deutsch-amerikanischen Filmregisseurs Douglas Sirk, dem unbestrittenen Meister des Melodrams.
Film/Story (5 von 5):
Ein bewegendes, erschütternd realistisches Drama, das die Geschichte eines jungen deutschen Soldaten namens Ernst Gräber (John Gavin) erzählt, der sich während seines Fronturlaubs in seiner zerbombten Heimatstadt in Elisabeth Kruse (Liselotte Pulver), die Tochter eines im KZ inhaftierten Arztes, verliebt.
Douglas Sirk arbeitet wie in allen seinen Melodramen mit seiner für ihn typischen Symbolsprache. Als Beispiel nenne ich die außergewöhnlich früh erblühenden, zarten Blüten eines Baumes inmitten einer verbrannten, zerstörten Umgebung. Dieser blühende Baum symbolisiert Hoffnung, aufkeimende Liebe (Ernst und Elisabeth) und die Zerbrechlichkeit des Lebens inmitten des Krieges.
Schauspielerisch haben mich in diesem Film vor allem Liselotte Pulver als Elisabeth, Jim Hutton als Gefreiter Hirschland und Dieter Borsche als Hauptmann Rahe beeindruckt. Der männliche Hauptdarsteller John Gavin hat eine sympathische Ausstrahlung und spielt seine Rolle durchaus solide, aber für meinen Geschmack etwas zu eindimensional und flach. Man stelle sich an Gavins Stelle Montgomery Clift in dieser Rolle vor, er hätte einen Ernst Gräber mit einer emotionalen Tiefe verkörpert , für die keine Worte nötig gewesen wären. Bei Gavin benötigt man leider Text um den Gedanken und Gefühlsregungen seiner Figur folgen zu können. Liselotte Pulver ist es zu verdanken, dass die zentrale Liebesgeschichte niemals kitschig wird, sondern emotional authentisch bleibt. Sie verkörpert Elisabeth als eine starke und zugleich zerbrechliche Frau, die sich einen letzten Rest persönlicher Freiheit im Gefängnis der Diktatur und den letzten Rest Hoffnung inmitten den Schrecken des Krieges nicht nehmen lassen will (Exemplarisch dafür ist der kleine kümmerliche Petersilientopf oder ihre Weigerung in den Luftschutzbunker zu gehen.) Schade, dass Lilo Pulver in ihrer amerikanischen Karriere nie richtig durchgestartet ist, das Zeug dazu hätte sie gehabt und das beweist sie in ihrer vielschichtigen und berührenden Darstellung der Elisabeth Kruse. Sie trägt den Film in Momenten, wo die Erfahrung bzw. das Talent ihres Leinwandpartners John Gavin nicht ausreicht.
Eine kleine, aber bedeutende Nebenrolle spielt der renommierte deutsche Film- und Theaterschauspieler Dieter Borsche, der seiner Rolle, dem pflichtbewussten Hauptmann Rahe, eine besondere Würde, aber auch tiefe Erschöpfung, Traurigkeit und Integrität verleiht. Borsche gelingt dies vor allem mit seiner nuancierten Mimik und Körpersprache, mit dem für ihn typischen Understatement.
Bildqualität (5 von 5):
Die wunderschönen Technicolorfarben erstrahlen in der vorliegenden HD-Version reicher und reiner als zuvor auf der Hansesound-DVD, es gibt mehr Details zu entdecken, aber der blau-graue Schleier der über dem gesamten Film liegt, ist als Anspielung auf die blaugrauen Militäruniformen beabsichtigt und bleibt daher erhalten. Eine wirklich sehr gelungene Restauration!
Tonqualität (5 von 5):
Der Ton spielt in diesem Kriegsdrama eine nicht unwesentliche Rolle: Luftangriffe, Explosionen, Luftschutzalarmsirenen, einstürzende Gebäude, lodernde Flammen... Beide Tonspuren (Englisch und Deutsch) liegen in verbessertem DTS-HD Master Audio Mono vor, klingen absolut sauber, rauschfrei und für ihr Alter erstaunlich gut.
Ich bin kein Freund von Synchronisationen und schaue mir Filme am liebsten im Originalton an. Dieter Borsche scheint in diesem Film synchronisiert worden zu sein, obwohl er offensichtlich Englisch spricht. Da ich aber seine echte Stimme hören will, schalte ich jedes Mal auf die deutsche Tonspur um, wenn er im Film auftritt, denn zum Glück hat er sich selbst synchronisiert.
Extras (0 von 5):
Bei den Extras herrscht leider gähnende Leere. Das ist mir vollkommen unverständlich. Ein brillanter Film, ein anerkannter Regisseur, der stilbildende Arbeit für das Genre Melodram geleistet hat, populäre und erstklassige Schauspieler wie Liselotte Pulver oder Dieter Borsche und sogar ein Auftritt des Autors der Romanvorlage - Erich Maria Remarque als Professor Pohlmann - reicht das nicht für eine Tonne Extras? Leider nicht. Schade, daher kann ich hier leider nur 0 Punkte vergeben.
Fazit:
Ein einzigartiger Film der die deutsche Seite des Krieges realistisch und vielfältig zeigt und dass in einer Zeit in der man in den USA Deutsche bevorzugt als stumpfsinnige, böse Nazis und nicht als Volk mit vielen Gesichtern (Gut und Böse und Graustufen dazwischen) dargestellt hat. Douglas Sirk beweist in seinem vorletzten Spielfilm warum er als Meister des Melodrams galt und verleiht in dieser bewegenden Geschichte einfachen Menschen eine Stimme.
Prädikat: künstlerisch besonders wertvoll.
bewertet am 20.02.26 um 19:20