Mit The Testaments wird die Geschichte von Gilead weitererzählt, nachdem The Handmaid’s Tale zwar stark endete, aber einen wichtigen Handlungsstrang offen liess. Die Serie spielt 15 Jahre nach den Ereignissen der Mutterserie und greift genau dieses ungelöste Thema auf, weshalb sie sich eher wie eine direkte Fortsetzung als wie ein klassisches Spin-off anfühlt. Im Mittelpunkt stehen zwar überwiegend neue Figuren, doch auch einige bekannte Gesichter aus The Handmaid’s Tale kehren zurück, was für Fans der Originalserie ein echtes Highlight sein dürfte. Besonders gelungen fand ich, wie die Serie die neue Generation von Figuren in den Vordergrund rückt und deren Perspektive auf Gilead beleuchtet. Stilistisch unterscheidet sich The Testaments deutlich von der Vorgängerserie. Die Welt wirkt cleaner, moderner und insgesamt farbenfroher, was zunächst ungewohnt erscheint. Gleichzeitig halte ich diesen Ansatz für einen klugen Schachzug, da die jüngeren Figuren die dystopische Realität anders wahrnehmen und viele von ihnen nie etwas anderes kennengelernt haben. Dadurch entsteht eine gewisse Naivität, die gut zur Erzählung passt. Dennoch bedeutet der veränderte Stil keineswegs, dass die Serie ihre Härte verloren hätte. Auch hier gibt es zahlreiche beklemmende und schockierende Momente, die Wut und Fassungslosigkeit auslösen. Die Geschichte konnte mich insgesamt überzeugen und bietet einige spannende Entwicklungen. Positiv fällt auf, dass die wichtigsten Figuren bereits in der ersten Staffel eine nachvollziehbare Entwicklung durchlaufen. Allerdings hat die Staffel auch ihre Schwächen, insbesondere beim Pacing. Immer wieder entstehen Längen, die den Erzählfluss bremsen und die Spannung etwas herausnehmen. Meiner Meinung nach wären zehn Folgen nicht unbedingt nötig gewesen, zumal viele Episoden auch recht lang ausfallen. Schauspielerisch stechen vor allem Chase Infiniti und Lucy Halliday positiv hervor, während die Leistungen des übrigen Casts etwas schwankender ausfallen. Qualitativ erreicht The Testaments für mich noch nicht ganz das Niveau von The Handmaid’s Tale, dennoch macht die erste Staffel definitiv Lust auf mehr. Ich werde Staffel 2 mit Interesse verfolgen und bin optimistisch, dass die Geschichte einen wirklich runden Abschluss finden kann. Insgesamt vergebe ich für die erste Staffel eine
7.5/10 Bewertung und sehe noch deutliches Potenzial für eine Steigerung.