Digital-TV
Interview: „Ab April 2015 gibt es in der Schweiz nur noch HDTV“
Digitalmagazin im Gespräch mit Albrecht Gasteiner, Digitalpionier und Leiter des HDTV-Forum Schweiz
15.09.2008
Warum sind die Eidgenossen fixer bei der HDTV-Einführung als die Deutschen? Albrecht Gasteiner vom HDTV-Forum Schweiz hat erhellende Antworten parat, auch was das schwierige Thema „HDTV und Kabel“ betrifft. Sein Plädoyer für eine erfolgreiche HD-Einführung lautet: „Wenn man die Leute überzeugen will, darf man keine halben Sachen machen“.
Digitalmagazin: Herr Gasteiner, in Deutschland müssen wir noch fast anderthalb Jahre warten bis das öffentlich-rechtliche Fernsehen regelmäßig HDTV ausstrahlt, in der Schweiz ist das schon seit bald einem Jahr Realität. Was haben die Eidgenossen anders gemacht?
Gasteiner: Ziemlich viel, ja eigentlich fast alles. Zum Beispiel haben sie sich von einem ganz simplen Merksatz leiten lassen, der da lautet: „Wo HD draufsteht, muss auch HD drin sein“. Das klingt nicht spektakulär, hat aber sehr weitreichende Konsequenzen, denn es bedeutet nicht weniger als dass auf dem neuen Kanal „
HD suisse“ ausschließlich echte HD-Produktionen gesendet werden dürfen – sogar bei den Werbespots. Hochkonvertiertes SD-Material kommt nicht in Frage und auch innerhalb von HD wird ganz und gar nicht alles akzeptiert. Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hat den Produzenten ein Pflichtenheft zugestellt in dem sehr strenge Mindestanforderungen an die technische Qualität festgeschrieben sind. Bei den Kameras zum Beispiel 3 Sensoren von mindestens ½“ und Aufzeichnung mit mindestens 50 Mbit/sec. Hier ist also nur das Beste gut genug, und zwar 7 Tage die Woche, während jeweils 24 Stunden.
Digitalmagazin: Warum so rigoros?
Gasteiner: Weil der erste Eindruck entscheidet. Wenn jemand in einem Laden zum ersten Mal HDTV sieht, soll er sehen, wie herrlich das sein kann. Man darf ihn nicht mit einem faulen Kompromiss abspeisen. Wenn gewisse Sender unter dem Label HDTV größtenteils nur aufgeblasenes Standardmaterial ausstrahlen, hält man dies in der Schweiz für eine klassische Mogelpackung, für eine grobe Irreführung des Zuschauers, für kontraproduktiv und gar für geschäftsschädigend. Denn der gutgläubige Konsument vertraut doch dem HD-Logo auf dem Bildschirm. Er meint, HD zu sehen, stellt fest, dass, was er sieht, gar nicht so toll ist – und wendet sich desinteressiert ab.
Digitalmagazin: Das klingt nicht, als seien Sie ein großer Freund eines „weichen Überganges".
Gasteiner: Wenn man die Leute überzeugen will, darf man keine halben Sachen machen. Schon Goethe wusste doch: „Wer den ersten Knopf verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande“. Oder wenn Sie’s lieber auf Neudeutsch haben: „You never get a second chance to make a first impression“. Doch „HD suisse“ hat noch mehr Besonderheiten zu bieten: Zum Beispiel vier Surroundsound-fähige Audiokanäle in Dolby Digital. Das erlaubt es Ihnen, in einem laufenden Spielfilm zwischen deutscher, französischer oder italienischer Synchronisation und der Originalversion hin- und herzuschalten. Und bei Sportübertragungen können Sie nicht nur zwischen verschiedenen Kommentatoren wählen, sondern auch den Kommentar völlig abschalten und nur die Stadionatmosphäre in Surroundsound genießen – ein tolles Erlebnis und übrigens eine Leistung, die weltweit kein anderer Sender bietet.
Digitalmagazin: HDTV ist in der Schweiz schon recht populär. Woran liegt das?
Gasteiner: Zum einen natürlich an den HD-Aktivitäten der SRG, die in anderen Ländern mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid verfolgt werden. Ein hervorragendes Angebot schafft eben automatisch auch Nachfrage. Und zum anderen liegt es sicher auch daran, dass wir mit dem HDTV-Forum Schweiz eine wahrscheinlich in ganz Europa einzigartige Institution haben. Wenn Sie
www.hdtv-forum.ch anklicken, haben Sie nämlich die Gewähr, dass niemand versuchen wird, Ihnen irgendetwas anzudrehen. Es gibt keinen Verkauf und keine Werbung, sondern nichts als jede Menge firmenneutraler und wirklich hilfreicher Information. Ich selbst halte eine Menge Vorträge, bilde Leute aus, bin in den Medien präsent, berate Firmen und stehe Journalisten zur Verfügung – alles unvoreingenommen und unparteiisch. Und nicht zu vergessen: Das HDTV-Forum Schweiz beantwortet zahllose e-mail Anfragen von Journalisten, Händlern und Endverbrauchern, die die Nase voll haben von verkaufszentrierter Indoktrination mit firmenspezifischen Scheuklappen und die hier wirkliche Hilfe finden. Diese ehrliche, freimütige Information schafft eine Grundwelle von Bekanntheit, Vertrauen und Akzeptanz. Eine Basis, auf der der Handel erfolgreich verkaufen kann.
Digitalmagazin: Zurück zu HD suisse. Man sendet im Format 720p50, aus welchem Grund?
Gasteiner: Weil die SRG schon früh den Mut aufgebracht hat, sich von der anachronistischen Altlast des qualitätsmordenden Zeilensprung-Verfahrens abzuwenden und den Weitblick hatte, auf das Format zu setzen, das in sämtlichen professionellen Vergleichstests den besten Schärfeeindruck und Detailreichtum gezeigt hat, das sich am effizientesten komprimieren lässt, das die sauberste Zeitlupe ergibt und die schärfsten Standbilder ermöglicht. Und dies, obwohl zum Zeitpunkt der Entscheidung für das progressive Format noch kaum Studioausrüstungen dafür erhältlich waren. Dass das eine wegweisende Entscheidung war, können Sie daran ablesen, dass sich mittlerweile auch ARD, ZDF, ORF, ARTE sowie die öffentlich-rechtlichen Sender aus Polen, Belgien, Norwegen und Dänemark dieser Entscheidung angeschlossen haben. Das ist ja auch ganz logisch: Wo doch alle Flachbildschirme und Projektoren ohnehin nur Vollbilder darstellen können, ist es nur konsequent, die Programme auch gleich als Vollbilder aufzunehmen und als Vollbilder zu senden. Schließlich hat sogar der große Yves Faroudja (verständlicherweise erst nach dem Verkauf seiner Firma) freimütig bekannt: „Conversion from Interlaced to progressive simply doesn‘t work.“
Digitalmagazin: Wie wird HD suisse verbreitet?
Gasteiner: DVB-T steht für die Schweiz nicht zur Debatte, für die SRG ist der wichtigste Vertriebsweg der Hotbird-Satellit. Und jetzt erzähle ich Ihnen etwas Lustiges: Es ist doch klar, dass jeder Kabelnetzbetreiber, der einigermaßen seine Tassen im Schrank hat, sich darum reißen muss, das zukunftsweisende HDTV auch in seinen Kunden anbieten zu können, wenn er nicht als rückständig gelten soll. Weil die Mehrheit der Schweizer Haushalte ihre Fernsehprogramme via Kabel beziehen, haben die SRG-Leute den gut 200 Schweizer Kabelnetzbetreibern bereitwillig angeboten, sie dürften HD suisse sofort in ihre Kabelnetze einspeisen. Großer Applaus. Und dann kam eine kleine, ganz zauberhafte Hinterhältigkeit: Diese Erlaubnis bekommen nur Kabelnetze, die verbindlich garantieren, das von der SRG angelieferte Signal jederzeit vollkommen unbeeinträchtigt, also vor allem ohne ein Antasten seiner Datenrate von ca. 14 Mbit/sec., in ihre Netze einzuspeisen. Das Zähneknirschen war bis hinauf aufs Matterhorn zu hören, aber so haben wir nun in der Schweiz die Gewähr, dass HD suisse im Kabel genau gleich gut daherkommt wie über den Satelliten.
Digitalmagazin: Die Schweiz hat eine klare Roadmap für den HDTV-Einstieg festgelegt. Wie sieht diese aus?
Gasteiner: Ganz logisch, im Vergleich mit anderen Ländern aber durchaus spektakulär: Bis in vier Jahren sollen alle 7 Schweizer SRG-Fernsehprogramme in HD ausgestrahlt werden. Dann werden auch kleine SD-Einsprengsel im HD-Programm erlaubt sein, etwa, wie heute im Farbfernsehen gelegentlich auch historische Schwarz/Weiss-Aufnahmen gezeigt werden. 2012 beginnt eine drei Jahre dauernde Simulcast-Phase in der HD und SD parallel geführt werden. Und am 31. Mai 2015 geht nach mehr als 60 Jahren das Analog-Zeitalter zu Ende, denn ab April 2015 gibt es in der Schweiz nur noch HDTV. Wobei sich diese Angaben auf die primäre Ausstrahlungsform, also auf den Satelliten beziehen. DVB-T, das hauptsächlich für kleinere Zweit- und Drittgeräte und für Portable Anwendungen genutzt wird, bleibt bei SD-Qualität.
Digitalmagazin: Im Vergleich zu der schleppenden HD-Einführung in Deutschland klingt das absolut sensationell. Warum schafft Deutschland nichts Vergleichbares?
Gasteiner: Tatsächlich ist es schon etwas sonderbar, dass es in Albanien bedeutend mehr HD-Programme gibt als im Technologieland Deutschland. Nun bin ich weiß Gott nicht dazu da, Ratschläge zu erteilen, aber in der Sakristei des Zürcher Großmünsters steht an der Wand wie ein Menetekel ein Satz des großen Reformators Huldrych Zwingli: „Tut um Gottes Willen etwas Tapferes!“
Digitalmagazin: Vielen Dank für das Gespräch.