Schwarz, schwärzer - Film NOIR #6

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29. November 2019
Hallo verehrte Filmfreunde,

da bin ich wieder um euch wunderbare Beiträge aus der klassischen, schattigen NOIR-Ecke zu kredenzen.
Wohl bekomms.


Sunset Boulevard (Sunset Boulevard) 1950

William Holden, Gloria Swanson, Erich von Stroheim. Regie: Billy Wilder

alt textNeulich in Hollywood:

Der erfloglose Drehbuchautor Joe Gillis gerät zufällig auf der Flucht vor seinen Gläubigern auf das Privatgelände der ehemaligen Filmdiva Norma Desmond am Sunset Boulevard. Desmond war einst ein großer Star in der Stummfilm Ära und fristet mit ihrem Diener Max ein tristes Dasein in der immer mehr verfallenen Villa. Aber unermüdlich plant sie ihr großes Comeback und arbeitet seit Jahren an einem Script für den größten Film aller Zeiten. Da kommt Gillis grade recht, welcher anfangs nur widerwillig sich bereit erklärt dem unausgegorenem Stoff den letzten Schliff zu geben. Schließlich zieht die ehemalige Filmdiva Gillis immer intensiver in ihre bizarre und exzentrische Welt hinein... 


Gloria Swanson brilliert als nervenkranke Diva, die nichts unversucht lässt glorreich in die Filmwelt zurück zu kehren. Beherrscht von der großen Angst vergessen zu werden spielen Geld und Moral keine Rolle, auch nicht wenn man andere Leute dadurch ins Unglück stürzt. In ihrem Heim hat sie sich im Laufe der Jahre ein bizarres, surreales Traumland geschaffen, in dem sich sich immmer weiter dem Selbstbetrug hergibt. Gleichzeitig wirkt ihre unheimliche Präsenz wie ein Sog auf William Holden´s Charakter, welcher das Spiel zunächst als Mittel zum Zweck mitspielt, sich aber bald darauf immer angewiederter von diesem unaufhaltsamen Zerfall abwendet.
 

Regielegende Billy Wilder schuf ein intensives und top fotografiertes Filmdrama voller gescheiterter Figuren, die in der Traumfabrik schnell untergehen und vergessen werden. Die Angst vor Veränderungen und versinkender Traumwelten im Zuge des jeweiligen Zeitkolorits bilden den Grundtenor des Films  Ein kritischer und interessanter Blick mit dem ein- oder anderen Seitenhieb aufs Studiosystem der damaligen Zeit. Sehr cool übrigens das die Paramount Studios quasi selbst Darsteller des Films sind und somit auch ein dokumentarischer Stil mit in den Film integriert wurde.
 

Bildquelle: https://bluray-disc.de/blu-ray-filme/43217-sunset_boulevard_boulevard_der_daemmerung
 
Umleitung (Detour) 1945
Tom Neal, Ann Savage, Claudia Drake. Regie: Edgar G. Ulmer

alt textJazzpianist Al Roberts ist so verknallt in seine Freundin, der Sängerin Sue Harvey, das er blind vor Liebe einfach alles für sie tun würde. Angewidert von den billigen, zweitklassigen Kaschemmen in denen die beiden immer gemeinsam auftreten, zieht es Sue von New York nach Los Angeles um den Durchbruch ihrer Karriere zu erzwingen. Al wird ihr erst zu einem späteren Zeitpunkt nachreisen können und trampt schließlich fast abgebrannt von der Ostküste zur Westküste. Er ahnt jedoch nicht in welchen Albtraum und Martyrium sich diese Reise entwicklen sollte....
 

NOIR-Typisch wird die Story aus dem OFF der Hauptfigur erzählt und dekonstriert Schicht für Schicht die deprimierende Odysee. In gerade einmal rund 65 Minuten schält sich dieser minimalistische und Rabenschwarze NOIR Schicht für Schicht in den blanken Wahnsinn. Die Figuren sind detailliert gezeichnet und vor allem Ann Savage als fiese, kratzbürstige Mitfahrgelegenheit entpuppt sich hier als Zünglein an der Höllenwaage.
Selten war ein Film so pessimistisch, so traurig und die Hauptfigur so zerfahren wie hier und dennoch zählt dieser Rausch zu den unumstösslichen Klassikern des B-Movies.
Gar grotesk und auch lächerlich muten manche Sequenzen und Situationen an , aber sie zeigen einfach nur das Pech und die Fallstricke jener auf, die sich aufmachen ein besseres Leben führen zu wollen.
Schließlich will Al nur zu der Frau die er liebt um sie glücklich zu machen und steht gepeinigt vom Schicksal und den Menschen vor dem Trümmerfeld seines Lebens.
 

Jetzt erst mal einen Doppelten...


Noch ein nicht unbedeutender Hinweis: Zu diesem Film gibt es bis heute keine deutsche Synchro-Fassung. Die vorliegende DVD von Koch Media verfügt aber über deutsche Untertitel.


Bildquelle: https://www.amazon.de/Detour-Umleitung-OmU-Tom-Neal/dp/B00CY6HHRW/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&keywords=umleitung&qid=1574603081&s=dvd&sr=1-1
 


Die Rote Schlinge (The Big Steal) 1949
Robert Mitchum, Jane Greer, William Bendix. Regie: Don Siegel

alt textLieutenant Duke Halliday (Robert Mitchum) schippert in Mexiko ein um gestohlenes Geld in Höhe von 300.000 Dollar – welches der US-Armee gehört – zurückzuholen. Als er dem Schuldigen auf die Spur kommt, muss er sich bald mit Captain Vincent Blake (William Bendix) auseinandersetzen der glaubt Halliday hätte das Geld geklaut und zu allem Überfluss gesellt sich die hübsche Joan Graham (Jane Greer) auch noch dem wilden Reigen hinzu. Jene möchte nämlich ebenfalls geklautes Geld von dem Beschuldigten eintreiben. Kurz darauf startet eine wilde Hatz ins Hinterland Mexikos und Duke sowie Joan müssen widerwillig miteinander auskommen….
 

Don Siegel verlagert diese eigentlich wenig originelle Geschichte erfrischend ins sonnendruchflutete Mexiko und verzichtet auf die zumeist NOIR-trächtigen harten, kontrasten Schattenspiele der Großstadt.
Die Chemie zwischen den Hauptakteuren stimmt prächtig und lässt anhand spitzfindiger Dialoge im Ansatz eine Screwball Komödie erahnen. Spitzbübisch schaukeln sich durch den gut pointierten Wortwitz die beiden Hauptakteure in die Höhe und sorgen für kurzweiligen Spass und das ist in einem klassischen NOIR-Krimi welcher meist mit Tristesse glänzt doch auch mal schön :-)
 

Trotzdem bleibt die Quintessenz erhalten und durch die ganzen humorvollen Zutaten, sowie rasanten Verfolgungsjagden und hakenschlagenden Entwicklungen wirkt dieser wenig finstere Film sehr unterhaltsam und symphatisch.
Aber das wahre finstere kommt dann doch vom Menschen her und wird somit auch hier nicht unter den Teppich gekehrt.
 

Ach, die Schafherde ist hier unumstößlich der Sidekick schlechthin :)


Bildquelle: https://www.amazon.de/Die-rote-Schlinge-Robert-Mitchum/dp/B06WD55YWM/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=3V8KXISC4D42X&keywords=die+rote+schlinge&qid=1574603387&s=dvd&sprefix=die+rote+schlinge%2Cdvd%2C169&sr=1-1
 


Die Blaue Dahlie ( The Blue Dahlia) 1946  

Alan Ladd, Veronica Lake, William Bendix. Regie George Marshall

alt textJohnny Morrison kehrt mit zwei Kameraden vom Krieg heim und kann es kaum erwarten zu seiner Frau zurück zu kehren. Als er im trauten Heim ankommt, platzt er erstmal in eine wilde Party und seine Angetraute zeigt sich wenig euphorisch bei seinem Anblick.
Seine Gattin hat es in seiner Abwesenheit ordentlich krachen lassen und war Affären mit anderen Männern so gar nicht abgeneigt.
Nach einem Streit verlässt Johnny kurzerhand wieder die unrühmliche Zweisamkeit.
Als kurz darauf seine Frau ermordet wird, gerät er schnell in Tatverdacht. Auf der Flucht versucht er zeitgleich den wahren Mörder seiner Frau ausfindig zu machen….
 

Intrigen, Lust, Macht ,Geld, Korruption und Mord sind die bittersüßen Zutaten dieses brillanten NOIR-Krimis, der vor Finsternis nur so strotzt. Raymond Chandler, welcher viele Romane zur Schwarzen Serie verfasste, steuert hier auch das Drehbuch bei und das zeigt auch wie detailreich und anspruchsvoll ein Krimi sein kann.
Die Figuren sind alle nicht leicht zu durchschauen und scheinen allesamt selbst ein Spielball einer höheren Intrige zu sein, wobei sie sich selber für mächtig ausgeklügelt und raffiniert halten.
Alan Ladd und Veronika Lake brillieren hier bereits zum dritten Mal gemeinsam vor der Kamera und man genießt diese herrliche Chemie zwischen den beiden, welche einfach immer auf den Punkt passte.
 

Interessant ist auch ein nicht unerheblicher Handlungsstrang welcher die Auswirkungen von Kriegsheimkehrer zeichnet die nicht nur durch körperliche sondern noch viel mehr durch psychisches Unheil ins normale Leben zurückfinden müssen. Dadurch gewinnt der Film noch zusätzlich an Brisanz und Dynamik. 
 

THE BLUE DHALIA - übrigens ein Nachtclub - ist ein ausbalanciertes, facettenreiches, im Unterweltmilieu angesiedeltes Charakterkino ohne gravierende Dellen.


Bildquelle: https://www.amazon.de/Die-blaue-Dahlie-Film-Collection/dp/B0015TZTUQ/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=1F5FYIUZT2B4S&keywords=die+blaue+dahlie&qid=1574603764&s=dvd&sprefix=die+blaue%2Cdvd%2C238&sr=1-1
 


Cocktail für eine Leiche (Rope) 1948
James Stewart, John Dall, Farley Granger, Edith Evanson. Regie: Alfred Hitchcock

alt textDie beiden aufstrebenden Männer Brandon Shaw und Phillip Morgan ermorden ihren ehemaligen Klassenkameraden David Kentley in ihrem New Yorker Apartment. Voller Stolz deponieren sie die Leiche des armen David in einer Truhe, welche im Wohnzimmer als Dekostück Verwendung findet. Um den "Erfolg" noch auf die Spitze zu treiben veranstalten sie im Anschluss eine illustre Party, bei der auch der Vater des Ermordeten, seine Freundin, diverse Freunde und ein ehemaliger Lehrer anwesend sind...
 

Gibt es den perfekten Mord? Diese Frage ist hier zweitrangig, denn den beiden Dekatenten Wichtigtuern - vor allem Brandon Shaw - geht es vielmehr um die Theorie des "Übermenschen" der angeblich das Recht hat minderwertige Menschen einfach ermorden zu dürfen. Diese scheußliche These wird zum Drehpunkt der Geschichte und formt einen Rahmen der gesellschaftliche Kritik und gefährliche Theorien nicht unter den Teppich kehrt.
 

Hitchcock inszeniert diesen höchst interessanten Krimi in einem wunderbaren Kammerspiel, welches sich nur in diesem Apartment abspielt. Ohne auch nur den Hauch einer frigiden, langweiligen Puppenhausästhetik schraubt sich die Handlung bis zum furiosen Finale in die Höhe und offenbart auch sehr schicke Nuancen der verschiedenen Figuren. Bemerkenswert sind auch die wenigen Schnitte die hier vorgenommen wurden.
 

Megadolle ist natürlich auch die geniale aufgebaute Silhouette der Großstadt welche sich permanent durch das Panoramafenster bewundern lässt. Das Spiel mit dem natürlichen Tageslicht und das auflammen verschiedener Lichter und Neonreklamen zeigt soviel Detailverliebtheit, das ich jedesmal freudezuckend auf der Couch rumhüpfe. Filmästhetik pur :-)
 

Trotz des ziemlich fiesen Grundtenors verzichtet der Altmeister selbstverständlich nicht auf schwarzhumorige Einlagen, sodas dieser wunderbare Trip nie langweilig, oder gar bräsig wirkt. Fantastisch sind dabei auch die vielen verschiedenen Kameraeinstellungen und zeigen auf was selbst in einem Raum so alles möglich ist, wenn unterschiedliche Blickwinkel angewand werden.
 

Highlight ist aber für mich wie eh und je Edith Evanson als schrullige Haushälterin Mrs. Wilson, die kokett, keck und kess durch den Abend wirbelt.


Bildquelle: https://bluray-disc.de/blu-ray-filme/55362-cocktail_fuer_eine_leiche
 


Sodele,
damit genug für dieses Mal und ich hoffe ich wecke weiterhin bei dem ein-oder anderen Interesse an solchen Filmperlen.

Danke für die Aufmerksamkeit und Geduld ;-)

Bis demnächst wieder.
Headhunter666

 


 
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Charlys Tante
01.12.2019 um 08:52
#7
@Charlys Tante:

Hey, cool das ein paar klassische Perlen in deiner Sammlung Einzug gehalten haben :-)
Mittlerweile hat sich in meiner NOIR-Ecke so einiges angesammelt. Hab also noch genug Stoff für weitere Beiträge.
Allerdings wäre es tatsächlich schön, wenn der Bereich hier wieder mit mehr Leben gefüllt werden würde.

Hab Dank für deinen Kommentar :)
Headhunter666
30.11.2019 um 18:41
#6
Toller Bericht:
Das Thema Noir ist immer interessant, gerade wenn es so wie von Dir immer genau auf den Punkt reviewt wird, si habe ich immer den einen oder anderen Klassiker durch Dich in meine Ssmmlung wandern lassen. Hoffen wir einmal das vielleicht noch andere folgen werden und der Blogbereich wieder abwechslungsreicher wird insgesamt.
Noch einmal Dankeschön!!
Charlys Tante
30.11.2019 um 07:11
#5
@Ürün:

WOW kann ich nur sagen!
Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich bin baff :)
Headhunter666
29.11.2019 um 17:44
#4
Hi Sven,

Wow!! Alles gute, was noch zu entdecken gibt, liegt zeitlich weit weit zurück, das ist meine neue Film Theorie! :) Vielen Dank für diese tolle Vorstellungen, hervorragend geschrieben, denn du bist ein "Profi", ein echter Cineast und Intellektueller! Deine Blog Beiträge sind eine Bereicherung für mein Filmwissen. Ich habe noch soo viel nachzuholen!..

Zum Glück gibt es dich, herzlichen Dank dafür!
ürün
29.11.2019 um 17:11
von ürün
#3
@BTTony:

Vielen Dank für deinen tollen Kommentar :)
Freut mich wenn das Thema anscheinend weiterhin ankommt.
Ich hatte mit der Reihe bereits im letzten Jahr schon angefangen und bin auch noch nicht am Ende :)

Das der BLOG-Bereich mittlerweile ziemlich verwaist ist schade, aber dennoch gibt es einige interessante und schöne Beiträge.
Am Ball bleiben ist meine Devise und vielleicht erholt sich der Bereich hier wieder besser mit der Zeit.
Headhunter666
29.11.2019 um 09:18
#2
Da diskutieren wir in den Kommentaren eines anderen Blogs, dass der Blogbereich nahezu tot ist und dann haust du so einen Blog raus! Alter Schwede!

Das Thema hat mich überhaupt nicht interessiert. Ich habe dann durch deinen Blog gescrollt und fand den Aufbau und die Gestaltung, Bilder sehr überzeugend. Nachdem ich dann hängengeblieben bin, habe ich doch den ganzen (nicht kurzen) Beitrag gelesen und er gefällt mir ausgezeichnet!

Vielen Dank! Ich freue mich auf den nächsten!
BTTony
29.11.2019 um 08:53
von BTTony
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